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Delmenhorster Lebenshilfe erinnert an Welt-Tag „Autisten sprechen ihre eigene Sprache“

Von Frederik Grabbe | 29.03.2017, 20:59 Uhr

Wie geht man mit Menschen um, die die Welt anders sehen? Die nicht den gleichen Zugang zu anderen Menschen haben, wie die Mehrheit der Gesellschaft. Und wie integriert man sie? Anlässlich des Welt-Autismus-Tages am 2. April hat die Lebenshilfe Delmenhorst und Landkreis Oldenburg über Autismus in Delmenhorst informiert. Ein Fazit der Erfahrungen der letzen Jahre ist: Der Umgang mit Autisten wird Delmenhorst in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen.

Ein Grund hierfür lässt sich unter anderem an den Zahlen ablesen: 2011 registrierte die Lebenshilfe fünf Autisten in ihren Einrichtungen, 2017 sind es 43. „Der Anstieg ist unter anderem durch eine differenziertere Diagnostik bei den Kinderärzten zu erklären“, sagt Ulrich Rohlfing, Psychologe und Autismus-Experte bei der Lebenshilfe. Und: Statistisch seien ungefähr zehn von 1000 Menschen Autisten. Ein Hinweis darauf, dass bei vielen Autisten im Bereich der örtlichen Lebenshilfe in Delmenhorst und im Landkreis die Entwicklungsstörung gar nicht diagnostiziert ist.

„Vor zehn Jahren von Tuten und Blasen keine Ahnung gehabt“

„Autismus selbst wurde bei uns erst vor zehn Jahren ein Thema“, blickt der Geschäftsführer der Lebenshilfe, Erwin Drefs, zurück. „Damals hatten wir von Tuten und Blasen keine Ahnung“, gesteht Rohlfing ein. Denn das Autismus-Spektrum reiche sehr weit, von den Kanner-Autisten, die kognitiv sehr eingeschränkt seien, bis zu Asperger-Autisten, die beachtliche Inselbegabungen entwickeln könnten. „Autisten haben eine andere Sprache. Und die mussten wir selbst erst erlernen“, sagt Rohlfing. Er macht dies beispielsweise an einem Straßenschild deutlich: Ein rotes Dreieck zeigt eine schiefe Ebene und ist mit „10%“ beschrieben. „Ein Autist kann mit diesem Schild nicht viel anfangen, weil er nicht weiß, ob er es mit einer Steigung oder einem Gefälle zu tun hat. Sitzt ein Auto an einer der Ecken, ist es für ihn klarer.“

 (Weiterlesen: Lebenshilfe kritisiert neues Teilhabegesetz) 

Klare Ansprache in Bild und Wort

Eine überaus deutliche Bildsprache oder wörtliche Ansprache ermögliche Autisten ein besseres Verständnis für ihre Umwelt. Dies bestätigt auch Bettina Paul, seit. 1. März Leiterin der Ambulanten Autismusspezifischen Förderung (AAF): „Autisten nehmen Dinge anders wahr. In Alltagssituationen werden sie oft von ihren Wahrnehmungen überrollt. Darum können sie sich auch schlecht in andere Gruppen integrieren und Ecken schnell an – und das kann mitunter zu Ausrastern führen, weil sie sich unverstanden fühlen.“

Übungen für Kinder, um soziale Kompetenzen zu vermitteln

Damit Autisten einfacher mit ihrer Umwelt in Kontakt treten, wird bei frühkindlichem Autismus zum Beispiel mit eigens entwickelten Spielen trainiert: Rohlfing nimmt einen Eimer zur Hand und drückt Tennisbälle durch eine Öffnung. Täte dies ein autistisches Kind, würde Rohlfing jetzt überschwänglich loben. „Mit der Aufgabe lassen sich autistische Kinder auf Ideen ein, die von außen kommen. Für Menschen, die sich gerne abgrenzen, ist dies ein erster Schritt, soziale Kompetenzen zu vermitteln.“

„85 Prozent der ausgebildeten Autisten hat keinen Job“

Bei der Lebenshilfe werden aktuell 26 Autisten in Kitas und Schulen betreut, 17 erhalten eine ambulante Betreuung, wobei es sich bei Letzteren eher um selbstständigere Asperger-Autisten handelt. „Sie könnten gut im Arbeitsmarkt Fuß fassen, aber oftmals ist Arbeit nicht so gestaltet, dass sie für Autisten auch annehmbar ist“, sagt Drews. „85 Prozent aller ausgebildeten Asperger-Autisten finden keinen Job, weil ihr Arbeitsumfeld nicht so ist, wie sie es bräuchten.“ Rohlfing nennt das Beispiel eines Bremer Autisten: „Weil er den Kontakt mit Kollegen scheut, steht auf einem Zettel an der Tür: ,Kommen Sie nicht rein. Schicken Sie eine Mail.‘“ Das Beispiel steht nicht nur symptomatisch für eine selbst gewählte Isolation, sondern auch für die Möglichkeiten, die sich für Asperger-Autisten in der Berufswelt ergeben. Rohlfing. „Neue Medien stehen für den Anschluss zur Welt.“

Wenn gewünscht, begleitet die AAF der Lebenshilfe Arbeitgeber, die einen Autisten einstellen möchten, beim Einarbeiten. Auch sonst will sich die Lebenshilfe verstärkt auf Autismus einstellen: Rund 60 Mitarbeiter und externe Fachkräfte sollen hierzu bald fortgebildet werden. Dies trifft auch 35 von 85 Schulbegleitungen der Lebenshilfe.