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Delmenhorster Mütter erzählen Staat zahlt länger: Hilfe naht für Alleinerziehende

Von Sonia Voigt | 23.03.2017, 10:08 Uhr

Der Staat springt künftig deutlich länger ein, wenn Unterhaltspflichtige nicht zahlen. Als „Riesenschritt gegen Kinderarmut“ feiert das der Alleinerziehenden-Verband. Auch Betroffene vor Ort sind froh.

Stressiger Papierkram, Geldsorgen, enttäuschte Kindergesichter: Das bedeutet es für Marina Schwarzat, wenn sie ab April für ihre sechsjährige Tochter keinen Unterhaltsvorschuss mehr erhält. „Ich habe ihr schon gesagt, dass ich ihr in den nächsten Monaten nicht viel kaufen kann“, erzählt die alleinerziehende Delmenhorsterin. Doch Hilfe naht. Im Juli fällt die Altersgrenze beim Unterhaltsvorschuss, den es bisher maximal sechs Jahre lang gab, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht zahlte. Als „Riesenschritt im Kampf gegen Kinderarmut“ feiert dies der Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter.

Eine Riesenerleichterung

Eine Riesenerleichterung spüren auch Alleinerziehende in Delmenhorst, wie die 26-jährige Marina Schwarzat oder Maria P. (die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte). Die 33-Jährige lebt mit ihrem Sohn seit dessen zweitem Lebensjahr allein. Seinen Vater sieht der Fünfjährige jedes zweite Wochenende, doch finanzielle Hilfe ist von ihm nicht zu erwarten. „Er wird nie arbeiten“, ist Maria P. überzeugt. Darum erhält sie für ihren Sohn den Unterhaltsvorschuss, nach der bisherigen Regelung nur noch ein Jahr lang – nun sind es mindestens sechs.

Je größer die Kinder, desto größer die Wünsche

„Je größer die Kinder werden, desto größer werden die Wünsche“, weiß die gelernte Einzelhandelskauffrau, die gerade über eine Eingliederungsmaßnahme des Bildungswerks Niedersächsischer Volkshochschulen (BNVHS) den Wiedereinstieg in den Beruf sucht, am liebsten in der Pflege. Finanzsorgen und Zukunftsängste kennt ihr Fünfjähriger noch nicht, berichtet Maria P.: „Er sagt dann: Geld gibt es doch bei der Bank, Mama.“ Sie selbst denke viel darüber nach, was auf sie zukomme, wenn ihr Sohn eingeschult wird, in den Sportverein oder zur Musikschule will.

Dreimal schauen, ob das Geld reicht

Einen Schwimmkurs macht Marina Schwarzats sechsjährige Tochter schon und für die Schule ist die Erstklässlerin auch ausgestattet. „Aber dann verschwindet was und man muss es neu kaufen“, beschreibt die 26-Jährige die Situationen, in denen es eng wird und sie „dreimal in die Tasche schauen muss, ob das Geld reicht“. Zum Vater der älteren Tochter besteht kein Kontakt, die dreijährige Schwester kann ihren durch eine psychische Erkrankung arbeitsunfähigen Vater und dessen Eltern manchmal besuchen, aber um die Ecke lebt die Familie nicht. Keiner der Väter zahlt Unterhalt.

Schwangerschaft warf Berufsplanung durcheinander

Ihre erste Schwangerschaft warf Marina Schwarzat in der Berufsausbildung aus der Bahn. Über das BNVHS versucht sie nun, den Grundstein für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau zu legen – in Teilzeit. Ein einmonatiges Praktikum in dem Bereich hat sie absolviert. „Die hätten mich auch genommen, wenn die Kinderbetreuungszeiten gepasst hätten“, beschreibt sie die Schwierigkeit, als Alleinerziehende beruflich unterzukommen.

201 Euro fehlen

Umso wichtiger ist der Unterhaltsvorschuss für ihre kleine Familie, der nach der alten Regelung für ihre ältere Tochter jetzt ausläuft. „Die 201 Euro fehlen“, sagt Marina Schwarzat. Vom Jobcenter gebe es etwas Ausgleich, doch das bedeute viel Papierkram, und das neben allem anderen, was Alleinerziehende im Alltag herausfordert. Gut, dass der Unterhalt bald längerfristig gesichert ist – für Familie Schwarzat und für mehrere hundert andere Alleinerziehende in Delmenhorst.

Im Gespräch mit Marina Schwarzat

 Marina Schwarzat (26) ist alleinerziehend und lebt mit ihren sechs- und dreijährigen Töchtern in Delmenhorst. Foto: Sonia Voigt

Über ihr Leben als alleinerziehende Mutter mit zwei drei- und sechsjährigen Töchtern und die Bedeutung finanzieller Absicherung durch den nun ausgeweiteten Unterhaltsvorschuss berichtet die Delmenhorsterin Marina Schwarzat (26) im dk-Gespräch.

 dk: Nach der alten Regelung läuft der Unterhaltsvorschuss für Ihre sechsjährige Tochter jetzt aus. Was bedeutet das für Sie? 

 Marina Schwarzat: Das Geld fehlt schon extrem. Damit wir zumindest etwas Ausgleich dafür bekommen und das Jobcenter meine Leistungen aufstockt, muss ich dort beweisen, dass ich weniger bekomme. Das ist viel Papierkram, dem ich hinterherrennen muss. Für mich ist das nervenzerreißend.

 Mit der Neuregelung ab 1. Juli haben Ihre Töchter mindestens bis zum zwölften Geburtstag Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Eine Erleichterung? 

Ja, ich bin sehr erleichtert, wir müssten uns sonst bei vielem einschränken. Und in der Unterhaltsvorschuss-Stelle waren alle bisher sehr hilfsbereit. Überhaupt ist Delmenhorst eine kinderfreundliche Stadt, so etwas wie die Kinderwunschbaum-Aktion kannte ich vorher nicht.

 Welche Rolle spielen finanzielle Sorgen in Ihrem Leben als alleinerziehende Mutter? Was sind die größten Herausforderungen? 

Das Finanzielle zieht einen schon runter. Aber man hat auch nie Zeit für sich und flexible Hilfe, wenn man es gerade dringend braucht. Meine Familie unterstützt mich, aber bis der Tag kommt, den man vereinbart hat, ist das Tief meist schon wieder vorbei.

 Ihre Kinder gehen jetzt in den Kindergarten beziehungsweise zur Schule. Wollen Sie selbst wieder arbeiten? 

Ich würde gerne als Verkäuferin im Einzelhandel arbeiten, erst mal eine Ausbildung machen. Aber da muss man zeitlich flexibel sein. Und wenn ich meine Kinder länger betreuen lasse, müsste ich ja auch mehr zahlen. Dann geht man nur dafür arbeiten.