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Seit 70 Jahren ein Paar Delmenhorster Paar feiert Gnadenhochzeit

Von Frederik Grabbe | 03.09.2019, 18:55 Uhr

Sie suchten nach dem Krieg nach Ablenkung von dem harten Alltag – und fanden ihre große Liebe bei einem Holzschuh-Ball. Eine Nacht voller Tanz mündete in einer Ehe. Seit Dienstag sind Gertrude und Magnus Stöver seit 70 Jahren ein Paar.

Als Magnus Stöver am ersten Weihnachtstag 1945 zu dem Holzschuh-Ball ging, wollte er eigentlich vergessen. Der Zweite Weltkrieg steckte den Menschen noch in den Knochen, der damals 20-Jährige aus Sethe war selbst Soldat gewesen und mit 17 Jahren eingezogen worden. Trauer, die tägliche Sorge um Essen und Kleidung trieb die Menschen damals um, sagt Stöver. Wie viele andere suchte er bei dem Ball nach Ablenkung – und fand die Liebe seines Lebens. Auch Gertrude, damals 22, war dort. Sie war während der Kriegswirren aus Westpreußen nach Almsloh geflohen. "Ich wollte das Erlebnis der Flucht loswerden. Hauptsache raus und Leute treffen", erinnert sie sich. Es folgte ein Abend voller Tanz. Es funkte. Gertrude und Magnus mochten sich, trafen sich und heirateten vier Jahre später. Am 3. September hat das Paar, heute 96 und 94 Jahre alt, seine Gnadenhochzeit gefeiert – nach sieben Jahrzehnten Ehe.

Bewegtes Arbeitsleben auf der Nordwolle

Aller Anfang ist schwer, sagt man. Nach dem Krieg gilt das umso mehr. Das Leben ist hart für das junge Ehepaar. Der junge Magnus Stöver arbeitet zunächst für die Bau- und Kunstschlosserei von Weyhe, die noch heute am Donneresch existiert. Später geht es zum Fabrikkomplex auf die Nordwolle. Die Lok Bello, die kürzlich vom Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur für Restaurationsarbeiten abgeholt worden ist, die hat Stöver repariert, erzählt er. Er kümmert sich auch darum, dass die Fabrik-Kessel funktionieren. "Wenn der Kessel nicht läuft, läuft die Maschine nicht. Läuft die Maschine nicht, kann keiner arbeiten", sagt Stöver. Er hat viel Verantwortung, arbeitet sich hoch.

Doch zu Anfang der Ehe ist das Geld knapp. Gertrude Stöver fertigt Handarbeiten an, damit die junge Familie überlebt. Strümpfe, Kinderkleider und vieles andere findet Abnehmerinnen unter den für damalige Verhältnisse wohlhabenden Bauersfrauen. "Das hat Geld gebracht, aber auch Spaß gemacht", erinnert sich Gertrude." Ihr Mann sagt: "Sie hat gehäkelt und gestrickt, bis die Hände dick waren." Später arbeitet die heute 96-Jährige im Kaufhaus Petershagen. Putzt mal, verkauft mal, was eben gebraucht wird. "Ein schönes Arbeiten war das", sagt sie.

Leben an der Sachsenstraße aufgebaut

Die Arbeit bestimmt den Alltag. Mit dem Krieg in der Erinnerung sagt Magnus Stöver. "Es war eine Gabe, sich wieder ein Leben aufzubauen." Aber die Stövers wissen, wie man in die Hände spuckt: Sie ziehen die zwei Töchter Ursula und Edeltraud auf und bauen in mühevoller Arbeit ihr Eigenheim an der Sachsenstraße aus. Als Werksangehöriger kann Magnus Stöver ein Wohnhaus auf dem Werksgelände mieten, 1969 kauft das Paar es. Im Laufe der Jahre wird es immer wieder erweitert. Der Wintergarten ist heute das Schmuckstück mit Blick in den grünen Garten. Der Lieblingsplatz des Paares.

Die Zeit auf der Nordwolle aber ist beim Fabrik-Konkurs 1981 für Magnus Stöver nach 28 Jahren vorbei. Er hängt noch ein paar Jahre als Hausmeister bei der Schutzpolizei an der Louisenstraße dran. Der Bau- und Kunstschlosser ist rastlos. Er muss immer was zu tun haben. Das war schon immer so. "Ich bin die Dieselmaschine, meine Frau schiebt mich an", sagt der heute 94-Jährige. Als er 60 ist, geht er in Rente.

Was kann die Dieselmaschine jetzt noch tun?

Neue Lebensaufgabe im Altenheim gefunden

Magnus Stöver sucht sich eine neue Lebensaufgabe. Und findet sie im Ernst-Eckert-Haus an der Thüringer Straße. Immer mittwochs geht Stöver als Besuchsdienst mit den alten Leuten ins Theater, ins Café, begleitet sie beim Einkaufen und baut einen Singkreis auf. Er bringt sich selbst das Spielen auf der Knopfharmonika bei, "meine Quetsche", wie er sagt, und trägt alte Volkslieder vor. Der umtriebige Mann liebt den Kontakt zu anderen Menschen. Und im Altenheim stehen sie mittwochs hinter den Gardinen, um zu schauen, ob der Mann mit der Quetschkommode kommt. Gertrude Stöver steigt mit ein und singt für die Bewohner. Sie ist so beliebt, dass einige Frauen mit ihren Taschen immer einen Sitzplatz für sie reservieren. "Hier sitzt Frau Stöver." So erzählen es die beiden. Doch das Alter macht vor ihnen nicht Halt. Nach zehn Jahren zieht sich Gertrude Stöver zurück, nach 28 Jahren, mit 90, folgt ihr Mann. Eine wichtige Erfahrung aus dem Besuchsdienst nehmen sie aber mit. Magnus Stöver: "Sie glauben nicht, was Musik mit Menschen macht."

Heute ist das Paar selbst auf Hilfe angewiesen – auch wenn beide für ihr Alter noch erstaunlich rüstig sind. "Wir sind froh, dass wir uns noch haben", sagt Magnus Stöver. Seine Frau nennt er heute übrigens einen Kumpel. "Über eine große Liebe kommt noch eine andere Liebe."