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Delmenhorster Pflegeschule „Viele Altenpflegekräfte arbeiten am Limit“

Von Johannes Giewald, Johannes Giewald | 16.08.2016, 08:38 Uhr

Am Ende einer dreijährigen Ausbildung dürfen sie sich nun examinierte Altenpfleger nennen: 21 Schülerinnen und ein Schüler haben am Montag ihren Abschluss an der Altenpflegeschule des Stephanusstiftes gefeiert. Zu diesem Anlass hat das dk mit Schulleiterin Jutta Lippok über Entlohnung und Pflegenotstand gesprochen.

Frau Lippok, warum empfinden Sie, dass die Altenpflege ungerecht bezahlt wird?

Wenn ich sehe, was eine Handwerkerstunde kostet, und dass Pflegefachkräfte zum Teil nur 13,50 Euro brutto pro Stunde bekommen, finde ich ungerecht. Weil ich denke, sie leisten eine fachlich und gesellschaftlich hochwertige Arbeit. Sie müssen sehr viel Verantwortung übernehmen für alte oder auch jüngere Menschen. Ich denke, das ist auch ein gesellschaftliches Problem, immer da wo in unserer Gesellschaft mit Menschen gearbeitet wird, wird das letztendlich weniger honoriert.

Was muss sich ändern?

Es ist ja so, dass je nach Träger unterschiedlich gezahlt wird. Die Diakonie hat ihren Tarifvertrag, die Caritas hat ihren Tarifvertrag und es gibt ja auch viele private Pflegedienste und da klaffen die Gehälter auch auseinander und da ist die Diakonie bemüht, dass es auch eine einheitliche Vergütung gibt. Das fängt auch in der Ausbildungsvergütung von unseren Schülern an, dass ein Tarifvertrag für Auszubildende in der Pflege geschlossen worden ist, den haben aber nur Wohlfahrtsverbände unterschrieben und alle anderen können 20 Prozent in der Ausbildungsvergütung unter diesem Tarifvertrag bleiben. Da entsteht Ungerechtigkeit eben schon in der Ausbildung. Einige private Träger sind dann eben auch freiwillig nachgezogen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Bewerberzahlen an der Schule?

Wir haben immer noch die Situation, dass wir eine ausreichende Zahl an Bewerbern haben. Wir starten morgen mit einem Kurs von 27 Schülern.

Wenn man die Tendenz sieht, dann sind die Bewerberzahlen rückläufig und ich denke viele, gerade junge Menschen schauen sich auch nach anderen Möglichkeiten um und gehen in Berufe, in denen sie später auch attraktivere Arbeitsmöglichkeiten haben, von Arbeitszeiten bis hin zur Bezahlung.

Durch den demographischen Wandel ist der Bedarf an Altenpflege größer geworden. Sind dadurch personelle Lücken entstanden?

Ja, ich würde sagen, dass fast alle Altenpflegeeinrichtungen examinierte Fachkräfte suchen und können die Stellen, die bewilligt sind, nicht besetzen.

Wie versucht man, diese Lücken zu füllen?

Es gibt Maßnahmen, um Pflegefachkräfte aus Osteuropa anzuwerben und sie hier zu schulen. Es wird in den Einrichtungen zum Teil mit Zeitarbeitsfirmen gearbeitet, wenn die Personalsituation sehr eng ist. Und ich denke, diejenigen, die angestellt sind und in den Häusern arbeiten, versuchen ihr bestes zu geben, um diese Situation so gut es geht aufzufangen. Aber ich denke, dass viele dann auch an ihrem Limit arbeiten.

Was sagen die Schüler als angehende Altenpfleger zu der ungleichen Entlohnung?

Viele kommen mit Engagement und sehr viel Affinität zum alten Menschen und gehen in der Ausbildung und ihrem Beruf auf. Ich glaube, das ist das, was viele trägt. Aber ich finde es schon prekär, dass ein Mann, der bei uns durch die Ausbildung geht und als Pflegefachkraft arbeitet, kaum davon eine Familie finanzieren kann. Ich finde, das kann nicht sein, wenn man durch eine dreijährige qualifizierte Ausbildung geht, dass dann am Ende das Geld nicht reicht.