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Delmenhorster Radiosammler Von der Musiktruhe bis zum Schneewittchensarg

Von Sascha Sebastian Rühl, Sascha Sebastian Rühl | 10.07.2018, 15:42 Uhr

Peter Schimmel aus Delmenhorst hört nicht nur Radio, er hortet Radios. Über 50 Stück aus den 50er und 60er Jahren hat er gesammelt und genießt ihre besonderen Klänge.

Mit einem satten Klick rastet das Drehrad des alten Geräts ein, es beginnt zu rauschen und zu wummern. Dann folgen weitere deftige Klicks an anderen Geräten, eine Mischung aus atmosphärischem Rauschen, tiefen Bässen und Stimmen wird immer lauter. Jedes der Nachkriegsradios von Peter Schimmel ist auf den selben Sender eingestellt, so fängt jetzt die ganze Wand an zu wummern, lautet und lauter. Ein Gerät kratzt und rauscht. Schimmel sucht und findet den Störenfried, justiert nach, greift sich das sechs Meter lange Fernbedienungskabel – darauf ist er stolz – und regelt den Ton. Aus allen Richtungen kommt nun Musik, der 66-jährige wippt mit den Füßen und freut sich. Und die Geräte werden von alleine immer lauter. „Die Röhren müssen erst richtig warm werden – 60 bis 70 Grad“, erzählt der Sammler. „Diese 15 bis 20 Sekunden bis der Ton kommt – das ist so toll“, schwärmt er.

Verbindung zur Kindheit

Es sind die Radios aus Schimmels Kindheit, die er heute über- und nebeneinander der Wand entlang gestapelt hat. „Wir hatten zuhause ein normales Mittelklassen-Radio“, erinnert sich der Delmenhorster. Heute besitzt er Modelle, von denen seine Familie damals nur träumen konnte. Über 500 Mark hat beispielsweise das Radio Grundig 5010 im Jahr 1952 gekostet, sein Saba Freiburg 3DS von 1954 über 700 Mark. Zum Vergleich: Ein VW Käfer startete in dieser Zeit bei 4400 Mark. Alle Radios sind edel verkleidet mit Stoff und Holz und – das zeigt sich, sobald alle Drähte glühen – auch ordentlich laut. „Die haben 12, 15 oder 18 Watt. Die Anzahl der Lautsprecher ist hinter dem Gewebe verborgen“, erklärt Schimmel. „Jedes hat ein Gesicht für sich“, findet er.

Wie Stereoanlagen – nur ohne Stereo

Um die 50 Radios, die meisten größer als heutige Mikrowellen, manche so groß wie Kühlschränke, besitzt Peter Schimmel. „Das ist meine Schuld“, findet Ehefrau Kerstin Schimmel. Sie habe für die gemeinsame Fleischerei einen alten Schrank aus den 50er Jahren besorgt und um den aufzuhübschen auch ein Röhrenradio. „Dann wurde mein Mann infiziert.“ Und nicht nur der, auch sein Bruder begann mit zu sammeln. Irgendwann soll die Sammlung mal die beste Niedersachsens gewesen sein, ergänzt Peter Schimmel. „Die Szene der Radio-Freaks geht bis China. Gute deutsche Wertarbeit ist beliebt.“

Luxusgegenstände von früher

Aber nicht nur Radios hat der Delmenhorster aufgekauft. Er besitzt auch eine große Musiktruhe – ausgestattet mit Plattenspieler, Radio und sogar einem Tonband. „Das hat mal jemandem gehört, der richtig Geld hatte. So etwas konnten sich nur wenige leisten“, glaubt der Sammler, der die Truhe aus Hamburg geholt hat. Wohlgemerkt hört Schimmel mit seinen Geräten Schellackplatten – 200 Stück besitzt er, „aber ich höre nur wenige“. Der Vorgänger der Schallplatte neigt zum zerbrechen, wenn er zu Boden fällt und benötigt ständig Ersatznadeln.

Kuriose Fundstücke

Dazu haben sich Geräte angesammelt, die damals als fortschrittlich und später als kurios galten. Eines seiner Geräte verfügt über eine Antenne in der Größe eines kleinen Flugzeugpropellers. Der Braun SK, wegen seiner Form mit gläsernem Deckel auch Schneewittchensarg genannt, sei heute nach 60 Jahren wieder ein beliebtes Designstück. „Manche Geräte kosten heute mehr als damals.“ Mehrere tausend Euro für ein gut erhaltenes Modell heute gegen rund 300 Mark im Produktionsjahr – damals mehr als ein durchschnittlicher Monats-Bruttolohn.

Viel Zeit für Radioklänge

Bald möchte Peter Schimmel seine Sammlung in einen neuen Raum umziehen lassen. Nur Radio zu hören, wäre ihm für die jetzt beginnende Rente zu langweilig. Er hört Radios.