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Delmenhorster Schülerinnen Maxe-Schülerinnen gewinnen niedersächsischen Geschichtspreis

Von Frederik Grabbe | 14.08.2017, 19:19 Uhr

Ihre Geschichte erzählt von religiöser Unterdrückung im Heimatland – aber auch von dem Wunsch nach mehr religiöser Entfaltung in Deutschland: Die beiden Maxe-Schülerinnen Jessica Glaas und Yasmin Aggour haben die Zuwanderungserfahrungen ihrer eigenen Familie aufgeschrieben. Dafür wurden sie mit einem Geschichtspreis ausgezeichnet.

Eine Facharbeit hat zwei Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums auf die Spur ihrer eigenen Familiengeschichte geführt. Darin zeichneten sie die Zuwanderung der eigenen Eltern nach und erforschten deren früheres und heutiges Verhältnis zur Religion. Yasmin Aggour (17) und Jessica Glaas (18) gelang das so gut, dass sie den niedersächsischen Förderpreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen haben. Dieser wurde ihnen vergangene Woche in Hannover überreicht.

Arbeiten wie an der Uni

Interviews mit Eltern und Großeltern führen, das Gesagte transkribieren, den Inhalt auswerten und Anbindungen zur fachwissenschaftlichen Literatur herstellen: Ziemlich universitär klingt die Arbeitsweise, die die zwei Schülerinnen für die Facharbeit an den Tag legen mussten. Das verwundert nicht, schließlich sollte im Seminarfach des Fachs Geschichte am Maxe das wissenschaftliche Arbeiten vermittelt werden. Was dann doch überrascht, ist der Umfang der Arbeit: Stattliche 60 Seiten umfasst sie. Eine gängige Facharbeit an dem Gymnasium sei 15 Seiten lang, sagt Lehrer Ingo Voigt.

Eigener Zuwanderungsgeschichte nachgespürt

Dieser Umfang ist auch dadurch begründet, die Schülerinnen ein ganz eigenes Interesse an der Arbeit hatten: Yasmins Eltern sind Moslems und stammen aus Gaza, Jessicas sind russlanddeutsche Christen aus Kasachstan und Kirgisistan. Wie stand es damals mit dem Glauben der Eltern? Und wie hat er sich nach der Einwanderung nach Deutschland verändert? Das waren einige Fragen der beiden. Und die eigene Familie als Forschungsobjekt befeuerte die Neugier nur. „Meine Eltern sind in der früheren Sowjetunion in einem fast religionsfreien Umfeld aufgewachsen“, erzählt Jessica. „Ein Religionsverbot gab es zwar nicht mehr, aber das Verbot wirkte noch nach. Das Christentum wurde als Familienwissen weitergetragen, in der Öffentlichkeit war es kaum präsent – anders als der Islam, der sich zum Mehrheitsglauben entwickelte.“ Erst in Deutschland fand Jessicas Mutter wieder stärker zum Glauben: Heilig-Abend in die Kirche zu gehen, die Kinder in den Konfirmationsunterricht zu schicken, das ist nun normal – und war zuvor kaum denkbar.

Sehnen nach festen islamischen Ritualen in Delmenhorst

Yasmins Eltern haben gewissermaßen die umgedrehte Geschichte erzählt: „Der Islam war in Gaza fester Teil des Alltags. Einen öffentlichen Gebetsaufruf durch den Muezzin für das gemeinsame Beten gibt es in Deutschland so nicht - das ist etwas, was mein Vater sehr vermisst“, erzählt Yasmin. Dementsprechend sehen sich die Aggours heute in Deutschland zwar als Moslems, aber als nicht sonderlich religiös an.

Offenheit gegenüber anderen

Die Recherche förderte auch Familiendetails zutage, die zwar spannend sind, aber nicht den Weg in die Facharbeit gefunden haben: So erzählt Jessica von Zwangsumsiedlungen und Rechtswillkür gegenüber Familienmitgliedern der Großelterngeneration zur Zeit der Sowjets. „Ich hatte in Büchern darüber gelesen, aber dass sie meine eigene Familie betrafen, war neu für mich.“

Hat es für beide eine Lehre gegeben aus dem gemeinsamen Projekt? Ja, sagen beide. Die Offenheit gegenüber Fremdem zu bewahren und die Haltung, nicht vorschnell über andere Religionen zu urteilen.