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Delmenhorster Unternehmen Handwerker als Besserverdiener der Zukunft

Von Kai Hasse | 13.12.2018, 18:20 Uhr

Delmenhorst In der Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/Oldenburg-Land richtet sich ein neuer Chef ein. Carsten Bleckwenn ist ab Jahreswechsel Nachfolger von Hartmut Günnemann. Zwischen Bilderaufhängen im neuen Büro und Fachterminen spricht er über aktuelle Probleme im Handwerk.

 dk: Herr Bleckwenn, welche Art Handwerker sind Sie?

Bleckwenn: Ein mittelmäßiger. Aber meine Familie ist durch das Handwerk geprägt. Mein Großvater war Tischler, er hatte im Hinterhof seine Werkstatt. Er hat für ein Bestattungsunternehmen Särge gebaut. In der Werkstatt ist noch alles da, Werkzeug, Werkbank. Ich selbst bin aber schließlich doch in die kaufmännische Ausbildung gegangen.

 Wie viele Bewerbungen mussten Sie schreiben?

So um die 40. Damals.

 Wie viele braucht man im Handwerk heute?

Heute? Drei. Ich habe letztens mit einem Azubi im Elektro-Handwerk gesprochen. Er hatte sich für seine Bewerbungen die drei besten Betriebe ausgesucht und sich dann entschieden.

 Wenn sich nicht Betriebe die Azubis aussuchen, sondern Azubis die Betriebe, ist dann die Qualität der Arbeit gesichert?

Das Klientel ist anspruchsvoll. Unternehmen müssen sich gut präsentieren, um von möglichen Azubis wahrgenommen zu werden. Sie brauchen Internetpräsenz, müssen Auskunft über Aufgabengebiete der Azubis präsentieren, und Zukunftsaussichten klarmachen.

 Aber durch Fachkräftemangel leidet doch auch möglicherweise die Arbeitsleistung selbst?

Eher nein – wenn die Betriebe gut organisiert sind. Ein guter Betrieb weiß genau, wo seine Grenzen sind, und dann kann er seine Aufträge auch vernünftig abarbeiten.

 Was sind Konsequenzen des Fachkräftemangels für die Arbeitnehmer?

Handwerker werden in Zukunft zu den Besserverdienern gehören. Die Auftragsbücher sind über Monate voll. Ich selbst brauchte kürzlich einen Fensterbauer. Es hat zweieinhalb Wochen gedauert, bis jemand da war.

 Das ist ein echtes Problem für die Kunden...

Es hängt alles mit dem Fachkräftemangel zusammen. Die Unternehmen müssen ihren Angestellten viel bieten. Für Neukunden ist es jetzt schon sehr schwierig, einen Handwerker zu bekommen, weil die Betriebe bevorzugt natürlich ihre vertrauensvollen Stammkunden bedienen.

 Führt das nicht zwangsläufig zu Schwarzarbeit?

Schwarzarbeit kann die Folge sein – in Delmenhorst haben wir da aber wenig Auffälligkeiten. Es weckt vielleicht in Zeiten von „myhammer“ eher die „Do-It-Yourself“-Lust der Kunden. Größere Probleme haben wir viel eher mit Verstößen gegen das Mindestlohngesetz. Gerade große Massenschlachtbetriebe der Region sind da in den Fokus geraten.

 Zu Recht?

Ja, zu Recht. Das betrifft nicht nur Bezahlung, sondern auch die Arbeitsbedingungen. Dort braucht es schärfere Aufsicht. Das betrifft wohlbemerkt keine Fleischereibetriebe der Innung. Die gut zahlenden Innungsbetriebe müssen sich dann gegen industrielle Verarbeitungsbetriebe und die Konkurrenz aus der Kühltheke im Supermarkt durchsetzen. Dadurch müssen sie sich immer wieder zum Glänzen bringen.

 Und wie?

Wir haben nicht ohne Grund den Beruf der Fleischereifachverkäuferin. Sie können beraten, mit Ihnen reden, Ihnen Tipps geben, wie man das Fleisch zubereitet, wo es herkommt, und wie es gelagert werden sollte. Sie sagen Ihnen, was drin ist in der Wurst – und das wollen die Kunden wissen, sie werden sensibler. Das wirkt. Die Kalbsleberwurst vom örtlichen Fleischer hat mich zum Beispiel schon lange überzeugt.

 Im Kampf um Fachkräfte müssen Betriebe sicher auch bei der Bezahlung zubuttern.

Ja. Allerdings spielt bei vielen jungen Menschen das finanzielle auch nicht allein die größte Rolle. Es gibt die Bewegung hin zu einer besseren Work-Life-Balance. Sie werden auch oft lieber mehr Sonderurlaube nehmen wollen als mehr Geld.

 Sagen Sie mal Eckdaten, was das Geld angeht: Junger Kerl, 22, frischer Geselle. Was verdient der?

Kommt auf das Gewerk an. Je nach Branche liegen Sie bei 12 bis 14 Euro Stundenlohn. Dazu sind 30 Tage Urlaub normal. In den Baugewerken sind die Löhne tendenziell höher.

 Das klingt noch nicht sehr nach Besserverdiener. Altgeselle, 40 Jahre?

Da sind sie dann bei 18 bis 25 Euro. Die sind kurz vor einem Meisterlohn. Das sind Tariflöhne – und viele Betriebe zahlen übertariflich. Ich hatte gerade einen Betriebsinhaber am Telefon, der wie viele dabei ist, die Bedingungen zu verbessern. Er sagte: Ich will meinen Leuten zwei Euro mehr die Stunde geben, mehr Urlaub, und einen Leistungsbonus – sag mir, was ich noch geben kann. So suchen viele Unternehmer nach weiteren „Goodies“ für ihre Leute.

 Wie zahlen die das?

Letztlich zahlen es die Kunden. Jeder Handwerker muss immer wieder die Stundenverrechnungssätze neu kalkulieren, um zukunftsfähig zu bleiben.

 Und die Sätze müssen steigen?

Sie müssen steigen. Überlegen Sie, was ein Friseur verdient. Sie sitzen da eine Viertelstunde und zahlen zehn Euro. Wenn sie das durchrechnen, fragen Sie sich am Ende, wie sich das lohnen kann. Unternehmen haben Kosten.

 Löhne, Mieten, Versicherungen...

...Wartung der Maschinen, Anschaffung, Strom, Bürokräfte, Porto, Fahrzeuge, Zuschlag für das Unternehmerrisiko. Letzteres ist quasi der Gewinn des Unternehmers. Bei einem Stundenverrechnungssatz von beispielsweise 55 Euro liegt dieser Zuschlag bei 2,42 Euro.

 Was für Probleme haben die Unternehmen noch?

Bürokratie im Handwerk. Es gibt Bestimmungen, bei denen die Betriebe sich sagen, dass sie gerade jetzt bei vollen Auftragsbüchern anderes auf dem Zettel haben. 2018 war das Jahr der Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung. Dabei geht es zum Beispiel um die Frage, wie man Kundendaten nutzt, kategorisiert und dokumentiert – um etwa Wartungstermine fürs Auto zu vereinbaren. Weitere Probleme: Mobilität – es gibt Firmen, die keine Aufträge mehr in Bremen annehmen, weil sie wegen des Verkehrs nicht mehr rein und raus kommen. Oder: Was kommt mit einer Maut auf uns zu? Gilt die bald auch für kleine Firmenfahrzeuge? Und Handwerksbetriebe fahren große Dieselflotten. Wenn ich damit nicht mehr in die Städte komme, habe ich ein Problem.

 Welche Akzente wollen Sie als Chef der Kreishandwerkerschaft setzen?

Ich werde dafür sorgen, dass die Innungen nicht mehr Mitgliederschwund ausgesetzt sind, sondern wachsen. Betriebe sollen erkennen, dass es Vorteile hat, in der Innung zu sein: arbeitsrechtliche Beratung, betriebliche Altersvorsorge, Austausch, günstige Prüfungsgebühren. Und die Handwerksbetriebe sollen nach außen sichtbarer werden, auch für Azubis. Es gab bisher den Tag des Handwerks, bei dem junge Menschen in die Firmen kommen. Das klappt nicht. Man muss viel eher auf die Jugendlichen zugehen. Es kann eine App für Delmenhorster Handwerksbetriebe geben, bei der Jugendliche sich die Betriebe ansehen können.

 So eine Art Tinder für Jugendliche und Betriebe?

So in etwa.

 Werden Sie denn als Nicht-Handwerker ernstgenommen?

Ich denke schon. Betriebsinhaber müssen kaufmännisch denken. Und sie wissen, dass ich als Kaufmann da auch helfen kann. Davon abgesehen will ich eine Tour durch die Unternehmen machen, ein offenes Ohr haben. Übrigens habe ich ein wunderbares Team, das ich von meinem Vorgänger übernommen habe. Wir haben ein tolles Verhältnis, und die Damen tragen viel Last. Und auch wenn ich kein gelernter Handwerker bin: Zupacken kann ich schon.

 Aber das Bild da hängt noch schief.

(lacht) Ich arbeite dran.