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Delmenhorster Wellcome-Projekt Wie eine helfende Großmutter

Von Frederik Grabbe | 13.05.2016, 08:38 Uhr

Die Delmenhorsterin Charlotte Bastisch (67) hilft in Familien mit Babys aus, die mit ihrer neuen Lage überfordert sind. Derzeit betreut sie eine afghanische Flüchtlingsfamilie – und ist viel mehr als eine Helferin.

Wer vierfache Großmutter ist, der weiß, wie Kleinkinder zu lesen sind – und wie man auf sie eingeht. Das beweist Charlotte Bastisch (67), wenn sie mit Zeynab Azizullah (11 Monate) spielt. Da wird gewunken, da werden große Augen gemacht, da wird gelacht und erzählt. „Ich spreche Deutsch, sie Babysprache“, sagt Bastisch und lacht. Die Delmenhorsterin ist eine von acht Ehrenamtlichen des Wellcome-Projekts der Evangelischen Familienbildungsstätte. Sie besuchen Familien mit Kleinkindern bis zu einem Jahr, die mit der neuen Situation nicht gut umgehen können. Die Ehrenamtlichen helfen auf unterschiedlichste Weise und entlasten so die Familien selbst.

Bastisch könnte man eine erfahrene Veteranin im Projekt nennen. Ihre vierte Familie im fünften Jahr betreut sie mittlerweile. Familienvater Azizullah Auliyqul (35), Mutter Nabila Mirza Mohammed (24) und Töchterchen Zeynab Azizullah sind afghanische Flüchtlinge. „Vor 11 Monaten wurde Zeynab im Josef-Hospital geboren. Eine Ärztin hatte sich bei dem Projekt gemeldet und die Familie, aus der niemand Deutsch sprach, vorgeschlagen“, erzählt Bastisch. An den ersten Kontakt erinnert sie sich noch gut. „Ich kam mit Anke Grade vom Wellcome-Projekt ans Krankenbett. Nabila hat man ihre Unsicherheit deutlich angesehen. ,Was wollen diese Menschen von mir und meinem Kind?‘“, schildert sie.

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Heute ist die Unsicherheit einem tiefen Vertrauen gewichen. „Am Anfang hatte ich Bedenken. Schließlich war es für mich ein völlig neuer Kulturkreis“, sagt Bastisch. Doch die Familie sei mehr als herzlich, die Bedenken zerstreuten sich. „Egal, welche Sprache die Leute sprechen. Die Chemie muss stimmen“, sagt sie heute. Einmal die Woche kommt Bastisch für zwei Stunden vorbei. Sie geht mit der Familie spazieren, zeigt die Umgebung oder spielt mit und singt für Töchterchen Zeynab, während Nabila das Essen kocht. Sie ist wichtiger Kontakt für Nabila, die weder Deutsch noch Englisch spricht – und so ansonsten voll auf ihren Mann angewiesen ist.

Doch Bastisch ist auch Deutschlehrerin für Azizullah und Nabila. „Zuerst haben wir uns mit Gesten beholfen, um Deutsch zu lernen. Später habe ich Zeichenblöcke, Buntstifte und Kinderbücher mitgebracht. Farben habe ich über Gegenstände gezeigt.“ Das Paar ist mittlerweile viel weiter. Beide besuchen Deutschkurse bei der VHS, „und sie haben riesige Fortschritte gemacht. Ich bin richtig stolz“, sagt Bastisch. Azizullah versteht mittlerweile vergleichsweise viel, auch wenn er sich noch lieber auf Englisch mitteilt.

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„Wir sind sehr glücklich, dass Frau Bastisch im Haus ist“, sagt er. „Das nimmt uns oft die Unsicherheit.“ Er sei zum ersten Mal Vater geworden, darum sei jeder Tag neu für ihn. „Wie hält man ein Kind richtig? Was kann ich tun, wenn es weint? Das waren Fragen, auf die ich Hilfe brauchte. Und Zeynab liebt sie wie eine Großmutter“, sagt der Familienvater. „Die Familie vertraut mir, sie vertraut mir ihr Kind an. Das ist für mich ein großes Gefühl“, sagt die 67-Jährige. Doch nicht nur mit ihren Erfahrungen als vierfache Großmutter konnte sie aushelfen.

„Warum haben in Deutschland an Feiertagen die Geschäfte geschlossen? Oder wie sucht man sich hier einen Frauen-, Kinder- oder Augenarzt? Das ist vollkommen anders als in Afghanistan“, sagt Bastisch. Vor Arztterminen etwa übt sie darum mit der Familie, wie sie zur richtigen Adresse gelangt oder wie ein Termin auszumachen ist. Wenn man so will, ist sie auch eine Mittlerin zwischen den Kulturen – und somit auch eine wichtige Integrationshilfe.

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Mittelfristig möchte die Familie in Deutschland bleiben. Azizullah hat zuletzt für die Bundeswehr in Afghanistan als Elektriker gearbeitet, Nabila möchte an ihre Fachschulausbildung als Hebamme anknüpfen, die sie abschloss, ehe die Familie floh.

Erfüllen sich diese Träume, wird Charlotte Bastisch davon wohl nichts oder wenig mitbekommen. Denn ihr Weg und der der Familie Auliyqul/Mohammed werden sich im Juni trennen. So sieht es das Wellcome-Projekt vor. „Sehr traurig“ sei das, sagt Azizullah. Aber man könne sich ja privat mal treffen, sagt Bastisch lächelnd. Und schaut dann wieder zu Zeynab – und verfällt in Babysprache.