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Delmenhorsterin wird 104 Jahre „Mutter hielt den Laden zusammen“

Von Kai Hasse | 01.07.2018, 17:16 Uhr

Die Delmenhorsterin Erika Ruppel ist 104 Jahre alt geworden. Am heutigen 1. Juli wurde sie zu ihrem Geburtstag im Stephanus-Stift vom Sohn und Oberbürgermeister Axel Jahnz besucht. Sie blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Wie man 104 Jahre alt wird? Erika Ruppel zuckt etwas mit den Schultern. Ein Konzept hat sie dazu nicht. „Ich habe ja nie etwas gehabt“, sagt sie mit Bezug auf ihre Gesundheit. Nur dass sie nicht mehr gehen könne, ärgert sie.

Leben geprägt von zwei Kriegen

Dabei hat sie ein geschäftiges Leben hinter sich, wie der Sohn, Uwe Ruppel, beim Treffen mit Oberbürgermeister Axel Jahnz erzählt: Sie wurde 1914 in Bremen geboren, hatte keine Geschwister. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, er starb im Ersten Weltkrieg 1915 bei der Schlacht um den Hartmannswillerkopf in den Vogesen. Sie ging in Bremen zur Schule, wurde Verkäuferin, erlebte Hitler Machtergreifung 1933, bei der sie als nicht 21-Jährige noch nicht wählen durfte. 1937 lernte sie ihren Mann Karl kennen, der bei der Marine war. „1938 heirateten sie“, sagt der Sohn. „39!“ verbessert sie. Das macht sie gelegentlich. Da ist sie auch etwas streng. Widerworte sind übrigens nicht gern gesehen, sagt der Sohn mit einem Schmunzeln. Sie nickt. Also `39. 1941 wurde Uwe Ruppel geboren. 1942 wurde der Vater – und somit die Familie – nach Gotenhafen bei Danzig versetzt zu einer Torpedoversuchsanstalt. „Im Januar 1945 schossen dann die Kanonen über die Weichsel, wir mussten die Sachen packen und fliehen“, berichtet der Sohn. „Wir hatten Glück, dass wir nicht den Seeweg mit der Gustloff genommen haben“, sagt er, eingedenk der späteren Zerstörung des Schiffes, das ab Gotenhagen abgelegt hatte, durch ein russisches U-Boot versenkt wurde und 9000 Flüchtlinge mit in die Tiefe riss. „Vater wusste als Marine-Mitglied, dass die Russen die Ostsee beherrschten. Also nahmen wir den Zug.“

Auf Hamsterfahrt mit dem Kinderwagen

Im Mai 1945 kam die Familie in Bremen-Walle unter, erlebte noch die letzten Bombenangriffe. Die kleine Familie wohnt zu dritt in einem einzelnen Zimmer. „Und Mutter hielt den Laden zusammen“, sagt der Sohn. „Wir sind immer nach Huchting zur Tante. Dort gab es einen Bauernhof, wo es Gemüse gab. Und ich bin jede Woche nach Brinkum, wo mir eine Bauersfrau etwas eingepackt hat“, berichtet die 104-Jährige. „Den Kinderwagen hatte ich immer dabei, darin habe ich alles transportiert“, sagt sie. Zuvor hatte ihr kleiner Uwe in dem Wagen gesessen, nun war das Gemüse drin. „Aber Fleisch hatten wir nicht.“ Dennoch habe man die Verhältnisse damals als normal angenommen und sich zurechtgefunden. „Mutter ist eine typische Trümmerfrau gewesen“, sagt der Sohn. Axel Jahnz dazu: „Die Menschen damals müssen Widerstandskraft gehabt haben. Mit dem Bewusstsein: Es gibt für alles eine Lösung. Sie haben gelernt, mit ganz wenig auszukommen.“ Er empfinde Demut vor dieser Generation.

Schützende und führende Hand

Später kamen die Ruppels nach Findorff, bis 58 in einem Dachgeschoss. Wieder sagt Sohn Uwe den Satz: „Mutter hielt den Laden zusammen.“ 1964 feierten Erika und Karl Ruppel die Silberhochzeit – und sechs Wochen später starb Karl. Seitdem blieb Erika Ruppel allein, suchte sich eine Arbeit in der Stoffabteilung bei Hertie in Bremen, half dem Sohn bei der Einrichtung eines Hauses in Deichhausen. „Sie war immer eine schützende und führende Hand“, sagt Uwe Ruppel. „Ich bin heute noch dankbar für ihre Richtungsweisung.“ Bis zum 97 Lebensjahr lebte sie allein, dann kam sie ins Stephanus Stift in Delmenhorst.

Hat der Sohn das alles richtig erzählt? „Ich sag mal so, ja, mittelmäßig“, sagt sie und lacht etwas. Sie ist froh, sie habe ihn gut beraten im Leben. Aber jetzt hat Erika Ruppel Hunger. Und sie will noch draußen sitzen. In der Sonne.