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Deportation der Delmenhorster Juden Vor 75 Jahren: Im Güterwaggon in die Hölle

Von Dirk Hamm | 12.11.2016, 10:30 Uhr

Seit der Machtübernahme im Januar 1933 haben die Nationalsozialisten die Entfaltungsmöglichkeiten der jüdischen Mitbürger in der deutschen Gesellschaft immer weiter eingeschränkt. Durch systematische Schikanen, Berufsverbote, Stigmatisierung, Entrechtung und Enteignung wurde ihnen immer mehr die Existenzgrundlage entzogen.

Spätestens nach dem Pogrom des 9. November 1938 waren jegliche Illusionen über ein Abflauen der antisemitischen Exzesse und über eine erträgliche Perspektive für die Juden in Deutschland hinfällig. In Delmenhorst wurde am Abend dieses Tages die erst zehn Jahre alte Synagoge an der Cramerstraße niedergebrannt.

Leben der jüdischen Gemeinde erlosch nach der Pogromnacht

In der Folgezeit erlosch das Leben der jüdischen Gemeinde in der Stadt fast vollständig, wie Enno Meyer in seiner „Geschichte der Delmenhorster Juden 1695-1945“ ausgeführt hat. Die jüdischen Geschäfte wurden „arisiert“ und den Schülern aus jüdischen Familien der Zugang zu öffentlichen Schulen verweigert, Führerscheine wurden entzogen. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es bis zum Kriegsausbruch einigen Delmenhorster Juden, auszuwandern.

570 Menschen von Bremen aus deportiert

Ab 1939 verfolgte die NSDAP das Ziel, den Gau Weser-Ems, zunächst mit Ausnahme Bremens, „judenfrei“ zu machen. In der Hansestadt wurden den aus ihren Wohnorten vertriebenen Menschen neue Unterkünfte zugewiesen. Doch auch in Bremen bot sich den Entrechteten keine Existenzsicherheit mehr. Der 18. November 1941 sollte zu einem verhängnisvollen Datum für die Juden aus unserer Region werden: 570 Menschen wurden von Bremen nach Minsk deportiert, unter ihnen 32 ehemalige Delmenhorster Bürger.

In kleinen Gruppen zum Bahnhof geführt

Im Oktober 1941 hatten die Betroffenen die schriftliche Mitteilung erhalten, dass ihre Evakuierung in den Osten bevorstand. Dort würden sie dringend beim Wiederaufbau der ausgebombten Städte benötigt. Die Juden wurden in kleinen Gruppen aus den „Judenhäusern“ zum Bahnhof geführt, sodass die Bevölkerung weitestgehend nichts von dem Geschehen wahrnahm, wie Werner Garbas 2006 auf dieser Seite dargelegt hat. Die Fahrt in unbeheizten Güterwaggons dauerte drei Tage.

Vom Zielbahnhof in Minsk aus mussten sich die Deportierten auf einen langen Fußmarsch durch die verwüstete und fast leere Stadt zum hermetisch abgeriegelten Ghetto im Nordwesten begeben. Die Ghettoleitung hatte zuvor Tausende russischer Juden erschießen lassen, um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen.

Schwerstarbeit bei bis zu minus 40 Grad

Diese musten in den überfüllten primitiven Behausungen menschenunwürdige Bedingungen ertragen. Bei eisiger Kälte mit Minustemperaturen von bis zu 40 Grad im Winter 1941/42 wurden die Unglückseligen zu Schwerstarbeit gezwungen. Lastwagen und Bahnwaggons mussten be- und entladen werden, Zufahrtsstraßen und Bahngleise waren schnee- und eisfrei zu halten. Erfrierungen und Lungenentzündungen waren an der Tagesordnung.

Nach Einschätzung von Enno Meyer dürften „viele der Deportierten noch 1941 eines elenden oder gewaltsamen Todes gestorben sein, die noch Überlebenden 1942“. Am 31. Juli 1942 meldete der deutsche Generalkommissar Kube, dass in Minsk rund 10000 Juden liquidiert wurden – darunter auch „nicht einsatzfähige Juden“ aus Bremen, die im November 1941 nach Minsk „geschickt worden“ sind.