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Der Nationalstaat, ein Rohrkrepierer Vortrag in Delmenhorst befasst sich mit syrischer Identität

Von Alexander Schnackenburg, Alexander Schnackenburg | 28.05.2016, 15:54 Uhr

Der Nationalstaat gilt als europäischer Exportschlager. Doch dieses Staatenkonstrukt zerschneidet gewachsene kulturelle Identitäten, die in ihrer Vielzahl im Nationalstaat keinen Platz haben. Dies verdeutlichte am Freitagabend im HWK der Historiker Michael Sommer am Beispiel des bürgerkriegsgeplagten Syrien.

Schon beim Blick auf die doch so unbestechlich anmutende politische Landkarte entstehe ein falsches Bild, findet der Historiker Michael Sommer. Denn bei jenem Territorium, das die Karte als „Syrien“ ausweise, handele es sich in Wahrheit um ein mehr oder minder willkürlich, zum Teil mit dem Lineal an Schreibtischen abgestecktes Gebiet, um einen Nationalstaat, der kaum noch etwas mit jenem Kulturraum zu tun habe, welchen Syrien aus Sicht eines Altertumsforschers darstelle. Über genau diesen Kulturraum aber müsse Bescheid wissen, wer die Gemengelage der Konflikte im heutigen Syrien auch nur ansatzweise verstehen wolle. In seinem Buch „Syria. Geschichte einer zerstörten Welt“, das im August bei Klett-Cotta erscheinen wird, rollt Sommer die Historie Syriens von der Bronzezeit bis in die Gegenwart auf.

Am Freitagabend trug der Geschichtsprofessor der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg vorab ein paar Passagen aus seinem Buch rund 80 Zuhörern im Hanse-Wissenschaftskolleg vor.

Bilder mitgenommener Syrer

„Syria – we were there“ lautete der Titel der Veranstaltung. Der Komponist Rami Chahin unterlegte den Abend musikalisch mit Improvisationen an Zupfinstrumenten wie Qanon, Aod und Bezop. Der Maler Tammam Azzam demonstrierte anhand der Porträts augenscheinlich mitgenommener heutiger Syrer aus seinem persönlichen Bekanntenkreis die tiefe Verzweiflung, die heute in und um Syrien herrscht.

Der Nationalstaat, ein Rohrkrepierer

Einen bedeutenden Anteil an dieser untragbaren und doch kaum lösbaren Situation trägt Sommer zufolge der Nationalstaat, in welchem er eine Erfindung der Französischen Revolution sieht. Bei diesem Konstrukt handele es sich aber nicht, wie viele Europäer glaubten, um einen Exportschlager, sondern eher um einen Rohrkrepierer, so Sommer. Denn der Nationalstaat zerschneide gewachsene Identitäten, die viel älter seien. Habe „strukturelle Toleranz“ die großen Imperien in der Menschheitsgeschichte ausgezeichnet, so schließe der Nationalstaat Toleranz geradezu aus.

 (Weiterlesen: Vortrag: Islam bedarf der Modernisierung)

Ausweg in weiter Ferne

Als Ausweg für den Syrien und den Nahen Osten kämen allenfalls neue imperiale Modelle und Vertragsgemeinschaften in Frage, so Sommer. Diese aber sähe er nicht in Reichweite.

 (Weitelesen: Deutschland ist auf Schrumpfkurs – Vortrag zu Demografie)