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Deutscher Plural „Gemein und völlig unsinnig“ Delmenhorst: Ehrenamtliche geben Sprachkurs für Flüchtlinge

Von Frederik Grabbe | 19.09.2015, 10:35 Uhr

Wie erklärt man einem Fremden die Pluralbildung im Deutschen? Das Haus, die Häuser. Der Koffer, die Koffer. Der Apfel, die Äpfel. In anderen Sprachen wird nur ein „s“ ans Subjekt gehängt - und fertig ist die Mehrzahlbildung. Die Untiefen der deutschen Grammatik haben dieser Tage gerade Flüchtlinge zu umschiffen. Seit Mai bieten Ehrenamtliche über das Nachbarschaftsbüro Düsternort Sprachkurse für Flüchtlinge an. Einmal die Woche pauken die Grundschullehrerinnen Bettina Pinzon-Assis und Andrea Lotsios mit ihnen Deutsch im Gemeindehaus der Apostelkirche.

„Das ist gemein, völlig unsinnig“, flucht Lotsios im gespielten Ärger über die deutsche Sprachnorm zur Pluralbildung. „Kein Mensch weiß, warum es so uneinheitlich ist. Wir sind nicht schuld!“, beteuert sie vor der Gruppe. Einige lachen darüber, andere sind immer noch bei „Häuser“ oder Äpfel“ und legen die Stirn in Falten. Die, die lachen, sind schon ein wenig weiter und schon länger in Deutschland. Shakoor ist Afghane und schon seit 10 Monaten hier. Zuerst kam er mit seiner Frau und drei Kinder in Hannover unter, dann führte ihn sein Weg nach Delmenhorst. „Wir möchten in Deutschland bleiben. Ich möchte als Elektriker arbeiten“, sagt er. Shakoor bemüht sich, ist fleißig. Das bescheinigen ihm auch seine Lehrerinnen. „Das ist kein Pflichtprogramm hier“, meint Pinzon-Assis. „Die Flüchtlinge nehmen freiwillig teil. Manchmal auch mehrmals die Woche“. Vier Unterrichtsstunden erteilt sie wöchentlich mit anderen Ehrenamtlichen im Gemeindehaus. Doch das lose Unterrichtskonstrukt hat auch Nachteile: „Die Teilnehmer wechseln ständig, wir haben fast nie eine konstante Gruppe.“ Und das wirke sich auch aufs Sprachniveau aus.

Von rumpelig bis fortgeschritten sind alle Niveaus vertreten

Flüchtlinge wie Shakoor, die länger in Deutschland leben, fällt der Unterricht leichter. Das verdeutlicht auch diese Situation: Jabad aus Afghanistan klopft auf die Schulter seines Nachbars aus dem Kosovo und sagt: „Ich bin seit 13 Monaten in Deutschland. Xabir ist mein Nachbar. Wir sind zusammen in Deutschland angekommen.“ Das ist schon ein Satz für Fortgeschrittene. Entsprechend enthusiastisch fällt das Lob der Lehrerinnen aus. „Super, toll gemacht.“ Neulinge tun sich freilich schwerer: „Ich habe drei Monate in Deutschland“, rumpelt es zum Beispiel über die Lippen eines Mannes.

Beim Lernen zeigt sich, dass nicht nur die Pluralbildung, sondern auch spezielle, deutsche Laute Schwierigkeiten bereiten. „Meinst du, die albanische Liga hat das verstanden?“, fragt Pinzon-Assis ihre Kollegin Lotsios . Es geht um das Wort „Manchmal“. Den Laut „ch“ bekommt die Schülerschaft nur schwer zwischen Gaumensegel und Zunge hervor. Auch die Bedeutung des Wortes ist nicht klar. Auf einmal spricht Lotsios Griechisch. Sie ist mit einem Griechen verheiratet, einige Albaner haben zuvor in Griechenland gearbeitet. Andere waren in Italien. Hier kann manchmal Pinzon-Assis mit ihren Spanisch-Kenntnissen aushelfen. Im Zweifel hangelt man sich mit Englisch weiter, doch hier sind die Sprachkenntnisse der Flüchtlinge lückenhaft.

Geht gar nichts mehr, muss das Smartphone ran

Geht gar nichts mehr, muss der Google-Übersetzer im Smartphone bemüht werden. Hilft auch das nichts, müssen Gesten her. Osman aus Syrien tastet sich an den Begriff „nie“ heran. Schließlich kreuzt er die Arme und streckt sie dann zackig flach aus. „Nie“. Irgendwie ist das lustig, jedenfalls lachen alle. Warum, ist nicht so wirklich klar. Aber eigentlich ist das auch egal: Flüchtlinge und Ehrenamtliche haben deutlich Spaß, sich zusammen im Unterricht langsam voran zu tasten. Schritt für Schritt geht es voran.

Fehlendes Unterrichtsmaterial derzeit das größte Problem

„Im Grunde behelfen wir uns im Augenblick“, sagt Lotsios nach der Stunde. Sie und Pinzon-Assis arbeiten mit einem bestimmten Buch, das grundlegende Dinge des alltäglichen Lebens, wie Begrüßungsformeln oder Arztbesuche, abdecke. Jedoch koste ein Exemplar 6,50 Euro. Doch woher sollen die Ehrenamtlichen das Geld nehmen, jeden Teilnehmer damit auszustatten? „Die Seiten kopieren dürfen wir rechtlich nicht, wir schreiben Übungen an die Tafel oder nehmen Material aus dem Internet“, sagt Lotsios. „Im Moment haben wir keine andere Wahl.“ Fehlendes Unterrichtsmaterial sei derzeit das größte Problem. 

Und dennoch sind die Flüchtlinge dankbar. „In Deutschland ist es besser. Die Menschen sind gut. Ich liebe Deutschland“, sagt der Afghane Shakoor. Für ein richtiges Gespräch reichen die Kenntnisse noch nicht. Aber das soll sich ändern. Shakoor stellt fest: „Meine Zukunft sehe ich in Deutschland. Ich muss lernen, lernen, lernen.“