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Deutschland ist auf Schrumpfkurs Vortrag zur Demografie am HWK in Delmenhorst

Von Alexander Schnackenburg | 18.11.2015, 13:21 Uhr

Deutschland altert, die Zahl der Einwohner nimmt ab - trotz aller Zuwanderung: Dies hat Folgen auf die Arbeitswelt der Zukunft – und auch auf die politische Rolle Deutschlands, zeigte am Montag eine Expertin im Hanse-Wissenschatfskolleg auf. Sie sagte aber auch: Dem Schrumpfkurs entgegenzusteuern sei möglich.

Deutschland muss mehr für junge Familien tun. Die Unternehmen müssen eine optimale Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicherstellen. Staat und Gesellschaft müssen zusätzliche Betreuungsmöglichkeiten für Kinder schaffen: So zumindest sieht es Dr. Evelyn Grünheid. Am Montagabend referierte die Forschungsdirektorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) vor etwa 50 Zuhörern über „Gesellschaftliche Auswirkungen des demografischen Wandels“.

2,1 statt 1,4 Kinder pro deutscher Frau nötig

Dass die deutsche Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten weiterhin schrumpfen und altern wird, hält Grünheid für unvermeidlich. Denn demografische Entwicklungen vollzögen sich mit bis zu 100-jährigem Vorlauf, die Bevölkerungsstruktur der kommenden Dekaden sei daher weitgehend vorgegeben. Bereits seit 1973 übertreffe die Sterblichkeitsrate in Deutschland jene der Geburten. Aktuell müsste die „durchschnittliche Frau“ 2,1 statt 1,4 Kinder im Laufe ihres Lebens gebären, um das Schrumpfen der Bevölkerung aufzuhalten. Grünheid rechnete dem Publikum vor, dass selbst Zuwanderungsströme, die die derzeitigen langfristig erheblich überträfen, nicht verhindern könnten, dass die Einwohnerzahl in Deutschland sinkt.

So lange wie möglich im Berufsleben

Bereits jetzt lasse sich, auch ohne prophetische Gabe, vorhersehen, dass sich künftig das Gros der Bevölkerung nicht mehr so früh in den Ruhestand werde verabschieden können wie heute. Vielmehr werde es für den Staat darauf ankommen, die Gleichstellung von Mann und Frau im Berufsleben voranzutreiben, um möglichst beide so lang wie möglich im Erwerbsleben zu halten. Auch werde ehrenamtliches Engagement durch Senioren künftig eine größere Rolle spielen als heute – gerade in ländlichen Regionen. Denn das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gehe davon aus, dass es auch weiterhin immer mehr junge Menschen in die Städte ziehe, sodass sich der demografische Wandel auf dem Land schneller vollziehe.

Politischer Einfluss auf dem Spiel

Auf dem Spiel stehe zudem der politische Einfluss Deutschlands. Denn mit dem Schrumpfen ihrer Bevölkerung verliere die Bundesrepublik perspektivisch auch an Stimmrechten beispielsweise in der Europäischen Union. Den Zahlen des Bundesinstituts zufolge werden zumindest Frankreich und die Türkei Deutschland in puncto Einwohnerzahl binnen der kommenden Jahrzehnte deutlich überholen.