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Die alten Tore der Nordwolle Steinerner Bock als Zielscheibe spielender Jungs

Von Dirk Hamm | 05.06.2015, 20:19 Uhr

Noch heute zeugen sie von der einstigen Bedeutung der Nordwolle: die Haupttore am nördlichen und südlichen Rand des ehemaligen Fabrikgeländes. Rudolf Schewe kennt sich dort bestens aus.

Rudolf Schewe kennt das Nordwolle-Areal wie seine Westentasche. An etlichen Stellen weiß er Geschichten zu erzählen, schließlich ist er als Kind von Wollearbeitern an der Hasberger Straße geboren worden und im Schatten der „Planke“, des einst große Teile der Werksfläche umgrenzenden Holzzauns, aufgewachsen. Später hat er als Meister in der Packerei selbst seinen Lebensunterhalt in dem Werk verdient. Heute profitieren Besuchergruppen vom reichen Wissensschatz des Wolleaners, der an jedem ersten Sonntag im Monat um 11 Uhr Führungen vom Fabrikmuseum aus anbietet.

Bei einer Exkursion über das gesamte Gelände mit Rudolf Schewe hat sich kürzlich eine hervorragende Gelegenheit geboten, die Dimensionen des industriegeschichtlich bedeutsamen Werks zu ermessen. Roter Faden des zweistündigen Rundgangs waren die verschiedenen Tore der Fabrik.

Erst nach dem ersten großen Streik der Belegschaft der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (NW&K) im Jahr 1897 hat der Fabrikherr das Werksgelände umzäunen und die Zufahrten mit Toren versehen lassen, wusste Rudolf Schewe zu erzählen. Dabei erhielt die damals als Privatweg bezeichnete heutige Nordwollestraße einem Stadttor ähnliche Absperrungen. Erst mit der streckenweisen Höherlegung der Bahngleise vor dem Ersten Weltkrieg wurde aus dem Privatweg eine öffentliche Straße. Reste des schmiedeeisernen Werkszauns finden sich noch im Bereich der ehemaligen Villa der Lahusen-Familie und an der Ecke Nordwollestraße/Nordenhamer Straße.

Durch das Nordtor strömten die Beschäftigten aus der Werkssiedlung und dem Mädchenwohnheim

Das große Haupttor mit der weithin sichtbaren Uhr liegt seit der Aufstockung des repräsentativen Hauptgebäudes an der Südseite im Jahr 1910 unter dem Verbindungsraum zwischen Verwaltung und Kontor. Das Pendant bildet am gegenüberliegenden Ende des Areals das alte Nordtor an der Heimstraße. Es ist als einziger Zugang zur „Stadt in der Stadt“ neben dem Haupttor in den 20er Jahren gebaut worden. Durch das Nordtor strömten die Beschäftigten aus der Werkssiedlung und dem schräg gegenüberliegenden Mädchenwohnheim zur Arbeit. Mit der Stilllegung der Fabrik 1981 wurde auch das Nordtor dauerhaft geschlossen. In dem einstigen Pförtnerhaus samt anliegendem Gelände hat sich 1984 der Delmenhorster Bildhauer Jürgen Knapp ein Atelier eingerichtet.

Den rechten Torbogen des Portals krönt die Skulptur eines Merino-Schafsbocks, ein Symbol des Wolle verarbeitenden Konzerns. Dieses Objekt war einst beliebte Zielscheibe für die Jungens, die entlang der „Planke“ spielten, erinnert sich Rudolf Schewe. „Dreimal dürfen Sie raten, worauf wir mit unseren Zwillen gezielt haben“, bemerkte der 85-Jährige während der Führung mit einem Schmunzeln, auf das unübersehbare Gemächt des steinernen Tieres blickend.