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Die Kirche im Mittelalter Söhne der Priester waren voll akzeptiert

10.07.2015, 18:23 Uhr

Das früheste Gotteshaus in Delmenhorst wird auf das 13. Jahrhundert datiert. Im Mittelalter pflegten die Geistlichen einen sehr weltlichen Lebensstil.

Zu den Institutionen, die viele Jahrhunderte lang die Lebensführung der Delmenhorster Bürger bestimmt haben, gehörten zweifellos die Kirchen. Sie besaßen besonders im Mittelalter einen weitaus größeren Einfluss auf ihre Gläubigen, als das heute der Fall ist.

In Delmenhorst ist als ältestes Gotteshaus die schon 1254 erwähnte Kapelle auf der Burg anzusehen, die von Graf Johann I. vollendet worden ist. Als dann um die Burg herum die Stadt entstand, lag es nahe, auch dort eine Kirche zu gründen. Ein Kollegiatstift zu Ehren der Jungfrau Maria wurde errichtet. Das genaue Datum dieser mit einer Familienstiftung verbundenen Handlung lässt sich allerdings nicht mehr feststellen.

Lebensstil der Geistlichen verweltlichte zunehmend

Auf jeden Fall muss die Kirchweihe ungefähr nach dem 27. September 1286 erfolgt sein, da dies der „Sonntag nach Mauritius“ war, an dem die heilige Handlung zu Ehren eines der Stifter, des Namenspatrons Moritz (Mauritius), stattgefunden hat. Der Standort der Marienkirche ist in der Marktgegend zu vermuten. Der Stadtchronist nimmt an, dass das Gotteshaus, welches später Flammen zum Opfer fiel, „etwa mit der Front an der Südseite der heutigen Langen Straße gelegen hat“, also etwa dort, wo später das Fitgerhaus stand. Um die Kirche herum haben die Chorherren gewohnt. Sie sind vom Grafen ernannt worden und wählten sich einen Dekan, der an der Spitze ihres Kollegiums stand und dem vom Erzbischof die Seelsorge übertragen wurde.

Kinder von Priestern wurden als gleichberechtigte Bürger angesehen

Lebten die Geistlichen zunächst in christlicher Gemeinschaft, so verweltlichte ihr Lebensstil in späterer Zeit immer mehr. Auch mit dem Zölibat, nahmen sie es immer weniger genau. Hieran hatten sie ein schlechtes Vorbild an den Bischöfen jener Tage. Erzbischof Nikolaus hatte nicht weniger als vier Söhne, mancher Kanoniker konnte auf ähnliche „Familienverhältnisse“ verweisen. Diese Kinder sind übrigens als völlig gleichberechtigte Bürger angesehen und behandelt worden. Keinesfalls galten sie etwa wie die unehelich geborenen Sprösslinge „gefallener Jungfrauen“ als unehrenhaft.

Abgabepflichten der Bürger sorgten für böses Blut

Viel mehr Ärger hat das damals übliche Verleihen von Pfründen an die Geistlichkeit oder sogar an jugendliche Abkömmlinge „hoher Herren“ der Delmenhorster Einwohnerschaft bereitet. Denn Bürger und Bauern der Stadt und der Umgebung hatten viele Taler und viele Erträge aus ihrem Ackerbau und ihrer Viehzucht an die Kirche abzuliefern, das machte immer wieder böses Blut. Als dann Luthers Reformation auch in Delmenhorst ihren Einzug hielt, hat sich zunächst nicht allzu viel geändert. Der Lübecker Hermann Bonnus ist es gewesen, der auf Anordnung seines Bischofs 1543 in der Grafschaft Delmenhorst die Umwälzung zum neuen evangelischen Glaubensbekenntnis bewirkte. Da er kein Eiferer war, ließ er als milder und maßvoller Prediger zunächst sogar noch die Ohrenbeichte bestehen, ehe sich das allgemeine und gemeinsame Schuldbekenntnis der Gläubigen dann auch hier durchsetzte.