Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Dirk Wiedau plant Tansania-Reisen Gipfelglück rührt Delmenhorster zu Tränen

Von Birgit Stamerjohanns | 06.09.2016, 09:36 Uhr

Schmerzen, Atemnot, Eiseskälte: Eine Kilimandscharo-Besteigung ist hart, doch für den gebürtigen Delmenhorster Dirk Wiedau einer der größten Momente im Leben. Mit seiner Reiseagentur Ona Safari verhilft er auch anderen dazu.

Von den vergangenen zwei Stunden und 400 Höhenmetern hat Dirk Wiedau nicht viel mitbekommen. Er hat auf Autopilot geschaltet, wie er sagt. Nur seine schmerzende Schulter holte ihn ab und zu in die Realität zurück. Jetzt steht Wiedau, 41, schwer atmend vor einem Vulkanfelsen und stützt sich auf seine Wanderstöcke. Drei weitere Stunden über Steigungen und Geröll bis zum nächsten Camp liegen vor ihm. Wenn es gut läuft. Wiedau ist auf der Machame-Route unterwegs, einer von sechs Strecken, die zum Gipfel des Kilimandscharo führen.

Auch Durchtrainierte können am Berg Probleme bekommen

„Es bestätigt sich immer wieder“, erklärt der gebürtige Delmenhorster zwischen zwei Schlucken aus dem Schlauch seines Trinkbeutels, „auch die vermeintlich Durchtrainierten können am Berg Probleme bekommen.“ Damit meint er nicht sich selbst, sondern den, der vor ihm auf dem Felsen hockt: Sein Freund Axel Knigge, 41, sehr groß, sehr schlank, sehr durchtrainiert. Am dritten Tag seiner Kilimandscharo-Besteigung sieht Knigge sein alpines Ende nahen. Als er noch etwas gesagt hat, hat er über Magenschmerzen geklagt. Jetzt fallen ihm die Augen zu, sein Kopf sackt weg.

Tourguide hält Gruppe in Bewegung

„No sleep, no sleep!“, tönt es plötzlich von hinten. Goodluck, der tansanische Tourguide, marschiert auf die Männer zu. Er muss dafür sorgen, dass möglichst jeder Tourist, der nicht höhenkrank wird, sich verletzt oder nachhaltig den Magen verdirbt, den Gipfel des Kilimandscharo erreicht. Wer am Berg einschläft, mindert seine Chancen, und das mag Goodluck gar nicht. In Bewegung bleiben und langsam weiterlaufen sei viel besser, schon allein wegen der Kälte hier auf 4600 Metern Höhe. „Pambana!“ ruft er und rüttelt am ächzenden Axel Knigge. Auf geht’s. Durchhalten.

Vor zwei Jahren hat Dirk Wiedau es schon einmal bis auf den höchsten freistehenden Berg der Welt geschafft. Nun möchte er dieses Erlebnis mit sechs Freunden wiederholen. Mittlerweile ist der Wahl-Hamburger nicht nur Tourist und Afrika-Fan, sondern auch Geschäftsführer seiner eigenen Reiseagentur, Ona Safari.

Traum vom Leben als selbstständiger Reiseanbieter umgesetzt

Die Idee, sich mit Safaris und Kilimandscharo-Besteigungen selbstständig zu machen, entstand mitten im tansanischen Serengeti-Nationalpark. Wiedau und seine Frau waren auf Safari, kamen mit ihrem Fahrer Julius Mkodo ins Plaudern. Der träumte von einem Leben als selbstständiger Reiseanbieter. Aber: „Alleine als Schwarzer in Afrika hat man keine Chance.“ Dirk Wiedau war so in Tansania verliebt, dass ihm der entscheidende Satz leicht über die Lippen kam: „Lass uns das zusammen machen. Wir gründen eine Safari-Firma!“

Auf das Abi in Delmenhorst folgte der Werbe-Job in Hamburg

Wiedau, der auf dem Delmenhorster Wirtschaftsgymnasium Abitur gemacht und dann BWL studierte, konnte seinen Job in der Außenwerbung auf eine Vier-Tage-Woche reduzieren. Nun kümmert er sich von Hamburg aus um die Organisation der Tansania-Reisen, Kundenkontakt und Buchhaltung, Julius Mkodo um den Ablauf der Reisen vor Ort. Gerade bei den Touren zum 5895 Meter hohen Gipfel des Kilimandscharo hängt viel von den Helfern ab. Mkodo kennt alle, die mit dem Berg ihr Geld verdienen – die verlässlichen und die schwarzen Schafe. Pro Tourist müssen drei Träger mit hoch. Sie schleppen Zelte, Kleidung, Nahrung und Wasser. Die Gäste tragen nur ihren Tagesrucksack.

Ona Safari bekommt 90 Prozent seiner Wanderer zum Gipfel

Ohne ein gewisses Maß an Ehrgeiz und Leidensfähigkeit lässt sich das Abenteuer nicht bestehen, das sagt Wiedau seinen Kunden ganz deutlich. Der Berg gilt zwar als relativ leicht zu besteigen, weil keine alpine Vorerfahrung nötig ist. Trotzdem kommt von etwa 30000 Bergsteigern pro Jahr nur die Hälfte bis zum Gipfel. Viele versuchen, den Berg in fünf Tagen zu erklimmen, dann hat der Körper keine Zeit, sich an die Höhe zu gewöhnen. Ona Safari bietet siebentägige Touren an – so schaffen es 90 Prozent der Kunden bis nach oben.

Und dann ist sie irgendwann da, die sechste Etappe der Expedition, der Höhepunkt des Abenteuers. Die Gruppe um Dirk Wiedau ist auf sechs Wanderer geschrumpft. Erwischt hat es nicht den magenkranken Axel Knigge. Aber ein Sportlehrer aus München musste runter, er litt an einer Form der Höhenkrankheit, bei der sich ein Lungenödem bildet.

Runter läuft es sich wie auf Wolke sieben

Die Gipfel-Etappe beginnt um Mitternacht. So stehen die Chancen am besten, zum Sonnenaufgang gut sechs Stunden später den Uhuru Peak zu erreichen. Dirk Wiedau und seine Mitstreiter schlottern bei Minus 15 Grad vor Kälte, Müdigkeit und Aufregung. Es geht los, vom Basecamp auf 4540 Metern Höhe. Jeder Schritt führt zu Atemnot. Das Wasser friert in den Trinkbeuteln ein. Dirk Wiedau kämpft mit Schwindel.

„Keiner kann hinterher sagen, wie er da hochgekommen ist“, so Wiedau, „aber für alle ist es einer der größten Momente im Leben.“ So auch an diesem Morgen. Die Sonne geht auf und gibt den Blick auf den Gletscher des Kilimandscharo frei. Erschöpfung und Aussicht verschlagen allen die Sprache. Wiedau weint, er ist nicht der Einzige. Schnell ein paar Fotos – dann ist schon wieder Zeit für den Abstieg, sechs Stunden bis zu einem tiefer gelegenen Camp. Aber, so weiß Dirk Wiedau aus Erfahrung: „Wer es bis zum Gipfel geschafft hat, läuft runter wie auf Wolke sieben!“