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dk-Kommentar zum Wollepark-Streit Delmenhorster Ratsfrau Eva Sassen hat Recht

Meinung – Michael Korn | 18.05.2017, 19:12 Uhr

Streitbar und mitunter polemisch – die umstrittene Ratsfrau Eva Sassen eckt mit ihren Äußerungen zu illegaler Prostitution im Problemviertel Wollepark an. In der Sache aber hat sie Recht. Ein dk-Kommentar.

Die Kontroverse um den Wollepark dreht sich nunmehr nicht nur um den Versorgungsstopp bei Gas und Wasser und die fatalen Folgen für die 350 Bewohner. Verschärft wird der Konflikt um die katastrophalen Lebenszustände in den beiden Schrottblöcken durch eine aufkommende Diskussion über mutmaßliche illegale Prostitution, Mädchenhandel und Kinderpornografie – ausgelöst durch Ratsfrau Eva Sassen vom Bürgerforum.

Sassen ist mit einer öffentlichen Fragestellung zu möglichen kriminellen Handlungen im Wollepark ins Kreuzfeuer der Kritik geraten und hat sich den Zorn von Oberbürgermeister Axel Jahnz sowie einer knappen Hälfte des Stadtrates zugezogen. SPD/Piraten, Grüne und FDP fordern Sassen zum Rücktritt aus dem Stadtrat auf.

Pflicht zum Blick auf die Sicherheitslage

Sassen – streitbar, unangenehm, polarisierend und mitunter polemisch – hat jedoch in der Sache Recht. Es ist legitim, ja sogar Pflicht von Mandatsträgern, nicht nur auf die menschenunwürdige Miet- und Versorgungssituation der betroffenen Menschen zu blicken, sondern auch auf die Sicherheitslage rund um die Hochhäuser 11 und 12. Und die ist polizeibekannt seit Jahren mehr als angespannt. Das Problem: Sprachbarrieren, Familienclans, verdeckte Kriminalität und mangelnde Zeugenaussagen verhindern bislang konkrete Belege für illegale Prostitution, Drogenhandel und weitere Delikte. Das ist nicht „typisch Delmenhorst“, sondern ein bundesweites Grundproblem in solchen gettoähnlichen Wohnverhältnissen.

Abrechnung mit Eva Sassen

Zurück zu Eva Sassen: Ihren inhaltlich gerechtfertigten Vorstoß zur Kriminalitätslage im Wollepark hat sie selbst mit einem nicht klugen personalisierten Vorwurf gegen OB Jahnz konterkariert. Die Folge: Jetzt wird politisch nicht aufgearbeitet, warum der Blick auf mögliche Straftaten im Wollepark in den vergangenen Jahren womöglich hätte geschärfter sein müssen. Jetzt wird vielmehr abgerechnet – und zwar mit Eva Sassen. Dies drohte ihr schon, als sie mit Stadtwerke-Chef Hans-Ulrich Salmen klagewürdig wegen Gas und Grafttherme aneinandergeriet. Auch hier machte sie den großen Fehler, persönlich zu werden. Jetzt wird sie die Konsequenzen ernten und sich womöglich eine offizielle Rüge einhandeln. Ihr Mandat von sich aus aufgeben wird sie wohl nicht, dafür ist sie zu kämpferisch. Und für einen Rausschmiss aus dem Rat dürfte ihr Fehlverhalten nicht reichen.

Bemerkenswerte politische Allianz

Bemerkenswert ist in diesem Konflikt die politische Allianz der Sassen-Gegner, angetrieben von einer vergrätzten SPD, die „ihren“ Oberbürgermeister verteidigen will. Und die Kleinen wie Piraten, Grüne und FDP lassen sich vereinnahmen. Die Reaktionen aus diesem Lager jedenfalls sind mindestens ebenso überzogen: „Clownereien“, „pathologische Rundumschläge“ werden Sassen vorgeworfen, sogar Mutterinstinkte werden bemüht. Die politische Streitkultur in Delmenhorst hat wieder einmal Schaden genommen.