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Polizeichef Jörn Stilke gibt Einblicke dk-Neujahrsempfang: „Stadt Delmenhorst deutlich besser als ihr Ruf“

Von Marco Julius | 07.01.2019, 15:52 Uhr

Rund 100 geladene Gäste aus dem öffentlichen Leben waren am Montag zu Gast beim dk-Neujahrsempfang dabei. Gastredner Polizeichef Jörn Stilke sprach über die Entwicklung der Stadt.

Mit tiefreichenden Einblicken in die Polizeiarbeit vor Ort hat Jörn Stilke, Leitender Kriminaldirektor und Chef der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch, den Neujahrsempfang des Delmenhorster Kreisblatts bereichert.

Als Gastredner vor annähernd 100 geladenen Gästen aus dem öffentlichen Leben sprach Stilke unter dem Titel „Delmenhorst, unser Revier – ein Blick hinter die Kulissen der Polizei“ dabei auch das noch immer schlechte Image der Stadt an, die lange als eine der kriminellsten der Republik galt.

Zahlen sind deutlich gesunken

Zählte man 1993 noch rund 11.000 Straftaten im Stadtgebiet, so waren es laut Stilke im vergangenen Jahr knapp 6000. Eine „Stadt von Mord und Totschlag“ sei Delmenhorst ohnehin nie gewesen, die Zahl der Diebstähle sei durch erfolgreiche Polizeiarbeit zudem stark zurückgegangen. Die Polizeistatistik werfe längst ein gutes Licht auf die Stadt.

Über mangelnde Arbeit müssen sich Stilke und sein Team dennoch nicht beklagen. „Polizeiarbeit läuft an an sieben Tagen die Woche über 24 Stunden, und das an 365 Tagen im Jahr“, sagte Stilke, der seit 38 Jahren Polizist und seit elf Jahren Chef der Inspektion ist. Zu jeder Zeit seien mindestens zwölf Streifenwagen im Einsatz.

Frühzeitig am Bahnhof aktiv geworden

Stilke erläuterte auch die polizeiliche Philosophie, die notwendig sei für ein robustes Mandat:

„ „Wir verschließen vor nichts die Augen, wir akzeptieren keine No-Go-Areas, wir handeln fair und konsequent, es gibt eine klare Linie und eine unmissverständliche Ansprache.“

Eine Philosophie, die auch am Bahnhof im vergangenen Jahr wieder zum Tragen kam, wie der Polizeichef berichtete. Damit dort nicht wieder Angstraum entsteht, wie zuletzt 2007, sei man frühzeitig aktive geworden, habe die Kontrollen erhöht, Präsenz gezeigt, die Drogenszene aufgeschreckt. „Die Lage dort ist wieder stabil, weil die ,Bullerei‘ häufig aufgetaucht ist“, sagt Stilke.

Delmenhorster Polizisten auch bei G20 im Einsatz

Auf sein Team, in der Inspektion steht Stilke 650 Mitarbeitern vor, sei verlass. Sicher gebe es auch Kollegen, die frustriert und desillusioniert seien, das Team sei aber insgesamt motiviert und schlagkräftig. Auch Einsätze außerhalb der Inspektion, etwa beim G20-Gipfel in Hamburg, schultere die Mannschaft, wenngleich viele Einsätze an die Substanz gingen.

Auch einfach einmal zuhören

Er berichtete aber auch zwei Beispielen, die nicht ganz alltäglich. Da sei die alleinstehende Dame, ohne Angehörige, die immer mal wieder nachts um 2 Uhr bei der Polizeiwache klingele.

„Das blaue Polizeischild hat eine Magnetwirkung.“

Die Frau komme nicht, weil etwas Schlimmes passiert ist. „Sie ist einsam, will einfach schnacken, weil sie nicht schlafen kann.“ Die Frau werde nicht abgewiesen. „Sie wird hereingebeten, die Kollegen hören ihr zu. Sie geht dann beseelt nach Hause.“ Auch das sei Polizeiarbeit.

Menschen wachsen ans Herz

Überhaupt gebe es Menschen, die einem irgendwie ans Herz wachsen, auch wenn sie oft über Jahre Probleme bereiteten. Herbert sei so einer gewesen. Ein Wohnungsloser.

„ „Ich weiß nicht, ob er öfter bei uns in der Zelle oder auf Gut Dauelsberg übernachtet hat. Vermutlich haben wir die Nase vorn.“

Herbert also, alkoholkrank, der habe die Beamten an manchen Tagen im Suff aufs Übelste beleidigt, sich dann morgens, wieder nüchtern, aber rührend entschuldigt. Nach und nach haben Stilke und sein Team von der Lebensgeschichte Herberts erfahren. Beim Fluchtversuch aus der DDR sei er „mit vier Schüssen aus der MP von der Mauer geschossen“ worden. Zuchthaus in der DDR, dann, 1971, wurde er freigekauft und kam in den Westen. „Hier hat er nie richtig Fuß gefasst“, sagte Stilke. Polizeiarbeit, das sei Arbeit mit und für Menschen, sagte Stilke.

"Hier liegen unsere Wurzeln"

Stilkes Vortrag ging in die gleiche Stoßrichtung, die dk-Geschäftsführer Jens Wegmann beim Empfang vorgegeben hatte: Wie auch die Polizei, das stellte Wegmann heraus, verstehe sich auch das Verlagshaus Teil der Region, Teil der Stadt. „Hier liegen unsere Wurzeln“, betonte er für das dk.