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dk-Serie: Mein Kiosk Der Stadionkiosk in Delmenhorst: Für immer Riedel

Von Frederik Grabbe | 13.08.2015, 20:30 Uhr

Sie heißt seit 26 Jahren Johannson und wird trotzdem immer noch mit Riedel angesprochen: Birgit Johannson führt seit 2002 den Kiosk Am Stadion. Ihre Eltern, die den Kiosk Ende der 70er Jahre übernommen hatten, vergisst so leicht niemand.

Lothar Riedel hatte keine Lust darauf, Euro in D-Mark umzurechnen. Das musste er sich mit fast 80 Jahren nicht mehr geben. Darum übergab er im Jahr der Euro-Einführung 2002 seinen Kiosk Am Stadion an der Düsternortstraße an seine Tochter Birgit. Sie selbst heißt zwar schon seit 26 Jahren Johannson, erzählt sie, wird aber teilweise immer noch Riedel genannt. Düsternort, so scheint es, vergisst nicht so leicht.

Schulen, Märkte und Fußball lassen den Kiosk brummen

Die Riedels führten bis 1978 ein Lebensmittelgeschäft an der Breslauer Straße, ehe sie den Kiosk am Stadion übernahmen. „Es war die große Atlas-Zeit. Damals brannte hier der Baum“, erinnert sich Johannson, die schon als Jugendliche im Kiosk jobbte. Der Fußball ist auch heute noch ein großes Thema. „Am Wochenende herrscht zu den Spielen bei Atlas, Hürriyet oder Tur Abdin immer High Life.“ Die Schulen im Umfeld, der Wochenmarkt am Freitag oder die Flohmärkte zwei Mal im Monat lassen den Kiosk brummen. „Ich kann mich nicht beklagen“, sagt Johannson. Sie und fünf Angestellte stehen in der Woche 90 Stunden hinterm Tresen. 400 Kunden am Tag, an Markttagen sogar 600, kaufen hier ein.

„Tabak muss billig sein, darauf kommt es hier an“

Lotto, Zeitungen und Zeitschriften, Bier, Spirituosen und vor allem Tabakwaren sind die Artikel, die am besten laufen. „Einmal Schwarzer Sandschuh, bitte“, sagt ein Kunde, der auf einmal seinen Kopf durchs Fenster steckt. Nach dem Kauf meint Johannson: „Schwarzer Sandschuh –das ist eine Tabak-Hausmarke, die läuft wie verrückt. Sie ist billig, und darauf kommt es hier an.“

„Manchmal müssen wir erzieherisch eingreifen“

An dem Kiosk an der Düsternortstraße könnte man ganze Sozialstudien betreiben. Vormittags und nachmittags stehen hier Männer und trinken ihr Bier. „Am Monatsersten, wenn die Sozialgelder überwiesen werden, brennt hier die Hütte. Manchmal müssen wir einigen Leuten sagen, dass sie besser nicht ihr ganzes Geld ausgeben sollten und so auch erzieherisch eingreifen.“ Der Konsum vor dem Kiosk sei manchmal aber auch eine „zweischneidige Geschichte“: „Manchmal wird jemand zu laut. Da muss ich resolut werden und sage ,Du hast jetzt genug‘“. Bier gibt’s dann keines mehr.“ Bei aller Strenge gibt es auch Situationen, bei der Johannson sich lieber zurückzieht. „Manchen sieht man den Drogenkonsum an. Wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, schließe ich das Fenster. Dann gibt es eben nichts.“

Keine Überfälle dank Bodyguards

Auch wenn das brenzlig klingt: Überfallen wurde der Kiosk noch nie. „Das liegt an unseren Bodyguards“, ist sich die Mitarbeiterin Susanne Schwarting sicher. Die Männer, die vor dem Kiosk Bier oder Kaffee zu sich nehmen, sind oft auch Stammgäste. „Wenn sich jemand falsch verhält“, sagt Schwarting, wird eingegriffen. „Als mein Vater hier noch den Laden führte, gab es häufig Schlägereien. Das ist zum Glück heute anders“, erinnert sich Johannson.

Hilfe bei der Post, Ratschläge bei Privatem

Nah bei den Menschen, so sehen sich die Kioskchefin und ihre Mitarbeiter. Ist die Post vom Amt unverständlich, helfen die Frauen. Schüttet jemand sein Herz wegen seiner privaten Situation aus, geben sie Ratschläge. „Jeder kann im Leben Pech haben und abrutschen. Mit Vorurteilen sollte man vorsichtig sein“, sagt Johannson. „Schicksale interessieren mich“, sagt sie und spricht auch von den Flüchtlingen im Stadionheim. Mit manchen verständigt sie sich auf Englisch. „Meine Eltern waren selbst schlesische Flüchtlinge. Ich finde es wichtig, dass man Anteil nimmt.“

Flüchtlinge und Fußball

Die Flüchtlinge sind natürlich auch Thema bei Gesprächen am Kiosk. Genauso wie Tagesaktuelles aus der Zeitung. „Wenn Politiker wissen wollen, wie das Volk tickt, dann müssen sie hierher kommen“, sagt Johannson. Oft aber drehen sich die Gespräche dann doch um Fußball. Besonders montags. „Fußball ist mein Thema“, sagt Johannson, die sich freut, dass die Begeisterung für den Fußball in der Stadt, insbesondere für Atlas, so angestiegen ist. Da ist es auch nicht so schlimm, wenn man sie im Gespräch mit Riedel anspricht.