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Dramatische Tage im Januar 1919 Als Putschisten auf dem Delmenhorster Marktplatz schossen

Von Paul Wilhelm Glöckner | 05.01.2019, 11:19 Uhr

Vor 100 Jahren überschlugen sich die Ereignisse in Linksradikale aus Bremen scheiterten mit dem Versuch, die Macht an sich zu reißen.

Man schrieb den 8. Januar 1919, als gegen vier Uhr morgens bewaffnete Marine- und Infanteriesoldaten aus Bremen den Delmenhorster Bahnhof erreichten und diesen sowie das Rathaus, das Postamt, die Sparkasse und die Polizeiwache besetzten. Sie wollten ihren Genossen aus USPD und KPD zur Hilfe kommen, die seit der Bildung des Soldatenrates in der Auseinandersetzung mit den Vertretern der MSPD immer mehr in die Minderheit geraten waren.

Putschisten stellen Maschinengewehre auf

Nachdem die Putschisten, die zu jenen Kräften gehörten, die zwei Tage später in der Hansestadt eine Räterepublik ausriefen, den Bürgermeister Dr. Hermann Hadenfeldt und die Beigeordneten Marie Schmidt und August Jordan sowie den stellvertretenden Polizeichef Kudras verhaftet hatten, lösten sie den örtlichen Arbeiter- und Soldatenrat auf. Maschinengewehre wurden aufgestellt, um Widerstand zu verhindern.

Nach einer Versammlung in den Spiegelsälen, zu der aber nur wenige Arbeiter erschienen waren, berief man für den Nachmittag eine Kundgebung ein. Ziel war es, Anhänger aus Delmenhorst zu gewinnen, die dann bewaffnet werden sollten.

Nur wenige Delmenhorster ziehen mit

Doch dazu kamen auch nur einige Hundert Personen, vor denen der Spartakist Karl Plättner in einer, wie es später hieß, eindruckvollen Rede die Ziele der Eindringlinge erläuterte. Danach sollte in ganz Nordwestdeutschland eine Räterepublik entstehen, Wahlen zur Nationalversammlung seien abzulehnen, eine reine Arbeiterherrschaft nach sowjetischem Vorbild müsse installiert werden.

Doch aus der Versammlung meldeten sich nur ganz wenige Personen, die zur Waffenübernahme bereit waren – ein Zeichen für die Eindringlinge, dass sie das Ohr der Massen nicht erreicht hatten. Offenbar um die Stimmung zu entschärfen, sind in diesen Stunden die Inhaftierten, bis auf den Bürgermeister, wieder freigelassen worden.

Gegendemonstration mobilisiert Tausende

Inzwischen hatten sich aber in den Reihen des von MSPD-Kräften dominierten Aktionsausschusses Gegenkräfte zusammengeschlossen. Diese riefen für den kommenden Morgen zu einer Gegendemonstration auf dem Marktplatz auf. Daran nahmen 5000 bis 7000 Personen teil und machten immer mehr ihrem Unmut Luft. In Sprechchören wurden die Putschisten aufgefordert, schleunigst aus Delmenhorst zu verschwinden. Deren neuer Redner erwies sich zudem als völlig ungeeignet, mit seinen Thesen durchzudringen.

Elfmal in die Luft geschossen

Da Plättner an anderer Stelle benötigt wurde, hatten die Bremer Linksradikalen einen Vertreter entsandt, der schon wegen akuter Heiserkeit kaum zu verstehen war. Als dann Eduard Schömer (MSPD) in einer Gegenrede die sofortige Freilassung des Bürgermeisters und die Abgabe der Waffen forderte, kam es zu Tumulten. Elfmal schossen die Aufrührer in die Luft, es kam zu einer kurzen Panik, aber dann wurden diese von der Menge entwaffnet. Ihre Redner wurden von dem aufgestellten Podium gezerrt. Die gemäßigten Kräfte hatten gesiegt.

Anschließend säuberte der Delmenhorster Arbeiter- und Soldatenrat seine Reihen von allen linkradikalen Vertretern, weil diese, wie man ihnen vorwarf, die Bremer Putschisten zum Einmarsch ermutigt hätten.

Linksradikale ziehen sich nach Bremen zurück

Inzwischen hatte man auch in Oldenburg die bedrohliche Lage in der Delmestadt erkannt und eine Kavalleriepatrouille in Marsch gesetzt. Diese erreichte die Stadt am 10. Januar, brauchte aber nicht mehr einzugreifen, da sich die Linken wieder nach Bremen zurückgezogen hatten. Von dort aus haben sie einen Tag später vier Vertreter der nun existierenden Räterepublik nach Delmenhorst entsandt. Diese warnten davor, Linke hier zu verhaften, ansonsten wolle man von 100 genommenen Geiseln 20 sofort erschießen.

Aufstellung einer Sicherheitswehr angeordnet

Den einzigen Vorteil, den die Delmenhorster Arbeiterschaft von diesen Unruhen hatte, bestand darin, dass sich die Arbeitgebervertreter, mit denen seit Wochen über eine Lohnerhöhung erfolglos verhandelt worden war, nun angesichts der Schüsse auf dem Marktplatz notgedrungen dazu bereit erklärten.

Um ähnlichen Vorkommnissen zukünftig besser begegnen zu können, wurde eine Volkswehr zusammengestellt. Sie bestand zunächst aus 140 gedienten Soldaten und sie führte einen regelrechten Wachdienst in der Stadt durch. Im März ordnete dann das Direktorium in Oldenburg die Aufstellung einer Sicherheitswehr an. Deren Existenz hat beruhigend gewirkt, sie konnte im Juni 1920 wieder aufgelöst werden.