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Drogenberatung verlangt mehr Spielerschutz Delmenhorster verzocken täglich 19.000 Euro in Spielhallen

Von Frederik Grabbe | 01.06.2016, 15:14 Uhr

Weil die Spielhallenkonzessionen in der Stadt neu vergeben werden, müssen sieben Hallen geschlossen werden. Grund ist eine Änderung zugunsten des Spielerschutzes. Einer Suchtberaterin der Anonymen Drogenberatung Delmenhorst gehen die Schritte aber nicht weit genug.

Am Donnerstag werden die Spielhallenkonzessionen der Stadt in einem Losverfahren neu vergeben. Schon jetzt ist klar, dass sieben Spielhallen wegen einer Anwendung des Glücksspielstaatsvertrags schließen müssen. Hintergrund ist die Einführung eines Mindestabstandes in Niedersachsen zugunsten des Spielerschutzes: 100 Meter müssen demzufolge zwischen einzelnen Spielhallen liegen, Mehrfachkonzessionen sind so künftig ausgeschlossen. Mit der Schließung der sieben Hallen geht künftig auch ein gewisser Teil der Automatensteuer verloren. Jährlich bringt diese der Stadt insgesamt 1,69 Millionen Euro ein .

19.000 Euro werden täglich in Delmenhorst im Automaten verspielt

Hier aber nur die verlorenen Steuergelder im Blick zu haben, ist für Simone Beilken von der Anonymen Drogenberatung (drob) fatal. „Allein in Delmenhorst werden jeden Tag 19.000 Euro nur in Spielhallen verspielt“, stützt sich Beilken auf Zahlen des Vereins Arbeitskreis gegen Spielsucht. Jährlich fast sieben Millionen Euro. Spielsucht gehe monetär gesehen aber noch weiter: „Spielsüchtige melden sich bei der Arbeit krank und verlieren mitunter ihre Stelle und später auch ihre Wohnung, sie können Rechnungen nicht mehr bezahlen oder werden teilweise straffällig: All diese Schäden durch Spielsucht hat aber noch niemand berechnet“, so Beilken.

Andere Bundesländer haben 500 Meter Mindestabstand

Der jetzt einzuführende Abstand von 100 Metern ist in Beilkens Augen nur ein Mindestanteil an Spielerschutz. „Andere Bundesländer haben einen Mindestabstand von 500 Metern eingeführt“, sagt sie. Ferner werde nur ein Minimum an gesetzlichen Auflagen von Spielhallenbetreibern umgesetzt. Beilken: „Ihre Verpflichtung ist es auch, wegen des Spielerschutzes Sozialkonzepte zu schreiben. Aber die Vorgaben sind sehr schwammig, verpflichtende Einzelmaßnahmen gibt es nicht.“ Einzelne Betreiber sperrten sich teilweise sogar gegen ein Hausverbot, dabei verlören besonders Süchtige bei hohen Verlusten die Kontrolle. „Das ist eigentlich unfassbar“, so Beilken. Am liebsten sähe die Drogenberaterin eine Spielersperrdatei: Spielsüchtige würden darin zentral registriert, die Spielhallen hätten darauf Zugriff und dürften nach einer Ausweiskontrolle am Eingang Süchtige gar nicht erst eintreten lassen – wie es etwa bei Casinos praktiziert wird. In diesem Punkt fordert sie mehr Engagement von der Landespolitik.

Hohes Suchtpotenzial durch Spielsucht

Denn Glücksspiel berge ein hohes Suchtpotenzial: 80 bis 90 Prozent der Spielhallenbesucher seien süchtig, 80 Prozent des verspielten Geldes stamme von Süchtigen. Darum sei dieser Wirtschaftszweig hochgradig von Süchtigen finanziert. Die drob berichtet, allein 2015 habe sie 646 Beratungs- und Therapiegespräche mit Spielsüchtigen und deren Angehörigen geführt. Insgesamt, schätzt die Pädagogin, seien in Delmenhorst 1000 Personen spielsüchtig. Dieser Darstellung widerspricht der Sprecher der Gauselmann Gruppe, Mario Hoffmeister. Diese seien „märchenhaft“ und durch nichts hinterlegt . Unterstützung erhält Beilken in dieser Frage etwa durch den Psychologen Dr. Tobias Hayer von der Universität Bremen. Bei der Fachtagung „Rausch und Realität“ Anfang Juni in der Delmenhorster Markthalle nannte er zwei Studien, die Beilkens Einschätzung zum Suchtpotenzial untermauerten. „Die Glücksspielindustrie nimmt richtig wichtige Studien nicht ernst. Es ist schon merkwürdig, wenn ein Geschäftsmodell auf Problemspielern basiert“, so Hayer.

Die Übergangsreglung in Bezug auf die Mindestabstände endet laut Niedersächsischer Landesstelle für Suchtfragen zum 30. Juni kommenden Jahres. Dass es aber tatsächlich dazu kommt, bezweifelt Beilken. „Ich rechne mit Klagen, die Frist wird sich verschieben. Die Branche hat viel Geld.“