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Ehrenamtspreis in Delmenhorst Der besonnene Demonstrant

Von Marie Busse | 12.11.2018, 19:46 Uhr

2006 marschierten die Neonazis in Delmenhorst auf. Hartmut Nordbruch hält dagegen und engagiert sich bis heute gegen rechts. Dafür wurde er mit dem Ehrenamtspreis der Stadt ausgezeichnet.

Vielleicht beginnt man die Geschichte von Hartmut Nordbruch mit dem Moment, als er an der Hand seiner Großmutter die Trümmer der Reichspogromnacht in Augenschein nimmt. Fünf Jahre alt ist er da. Der Stimmung sei bedrückend gewesen, erinnert sich der 85-Jährige. Die Menschen begegnen sich in der Stadt mit dem Hitlergruß. „Meine Eltern haben mir klar gemacht, dass das Unrecht ist. Vielleicht haben sie damit den Grundstein für mein Engagement gelegt“, meint Nordbruch.

Als Einzelkind, Nordbruch spricht schmunzelnd vom Einzelkämpfer, wächst er in einer Oberwohnung in Delmenhorst auf. Die Kritik der Eltern gegen das Regime sei stets still gewesen. Schließlich weiß die junge Familie nie, wer aus der Wohnung im Untergeschoss mithört.

Nordbruch ist ein kritischer Geist

Fast siebzig Jahre später, 2006, ist auch Hartmut Nordbruch ein kritischer Geist. Und das laut, deutlich und aktiv. Nach dem Willen des Hamburger Anwalts Jürgen Rieger soll in dem leer stehenden Hotel am Stadtpark ein Schulungszentrum für die NPD entstehen. Auf Kundgebungen grüßen sich rechte Demonstranten wieder mit dem Hitlergruß. So ist es Nordbruch im Gedächtnis. Und da ist sie wieder – die bedrückende Stimmung der Kindheitstage. „Ich hab nicht gedacht, dass ich den Gruß noch einmal sehen muss“, sagt er.

Nordbruch organisiert Demonstrationen

Doch Ohnmacht passt nicht zu Nordbruch – er schließt sich dem DGB-Arbeitskreis „Forum gegen Rechts“ an, organisiert Demonstrationen, verteilt Infoflyer. Immer unterstützt von seiner Partnerin Lotte-Marie Plagge. Für sein Engagement sei er auch belächelt worden: Er, der mit weit über 70 noch mit Pappschildern durch die Straßen läuft. Nordbruch schmunzelt beim Gedanken daran, fährt sich durch den weißen Bart und sagt: „Aber das war mit egal. Es war ja wichtig.“ Von rechts wird er angefeindet. Gewaltbereite Linke, die zu Demonstrationen in angereist sind, hält er in Schach. „Unsere Devise hieß gewaltfrei. Das musste ich klarstellen“, betont Nordbruch. Der 85-Jährige ist in seiner Haltung klar: ganz oder gar nicht.

Bis heute gegen rechts aktiv

Die Linie hat Erfolg: Die Stadt kauft das Gebäude, später wird es abgerissen. „Wir konnten aufatmen“, sagt Nordbruch, gibt aber zu bedenken: „Wir haben uns nicht auf die Schulter geklopft.“ Rechtes Gedankengut sei nicht aus der Welt. Nordbruchs Engagement ist daher ungebrochen. Aus dem Arbeitskreis „Forum gegen Rechts“ wird das „Breite Bündnis gegen Rechts“. Bis heute ist Nordbruch einer ihrer Sprecher.

Verantwortung im Beruf übernehmen

„Vielleicht hat mir mein Beruf geholfen, auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren“, überlegt Nordbruch. Als Ingenieur ist er jahrzehntelang in der Luftfahrtindustrie tätig. Nordbruch: „Ein echter Traumberuf für mich.“ In Bremen arbeitet er an der Entwicklung von Hubschraubern mit. In Begleitflugzeugen überwacht er Testflüge. Nordbruch arbeitet in Frankreich und England. 1995 geht er in Rente. Seine Leidenschaft für den Luftverkehr hat er auf seinen Sohn übertragen: Der arbeitet als Fluglotse. Sein anderer Sohn ist promovierter Islamwissenschaftler.

„Mein Beruf war mit hoher Verantwortung in sehr stressigen Situationen verbunden“, resümiert er.

Nordbruch setzt Hoffnung auf die Jugend

Verantwortung übernimmt er auch privat: Er ist Vormund und Schöffe, gründet den Verein zur Förderung der Jugend. Und die liegt ihm bis heute am Herzen: „Die jungen Menschen heute sind engagiert und interessiert“, stellt er klar. Und das sei wichtig, denn die politische Diskussion rücke weiter nach rechts. Anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht in der vergangenen Woche zeigt Nordbruch erneut Flagge. Zwei Jugendliche halten auf dem jüdischen Friedhof das Banner des „Breiten Bündnis gegen Rechts“ hoch. Hartmut Nordbruch steht daneben – er lächelt die Jugendlichen an.

Die Stadt zeichnete Nordbruch am 1. November als Ehrenamtlichen des Jahres aus.