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Ein Betroffener berichtet Wie überstehen Obdachlose den Winter in Delmenhorst?

Von Merlin Hinkelmann | 07.12.2016, 08:50 Uhr

Sie sind auf sich gestellt, haben keine Bleibe und manche schlafen selbst bei Minusgraden im Freien: Der Winter ist vor allem für Obdachlose keine leichte Zeit.

„Einmal, da waren es minus 17 Grad. Mein härtester Winter.“ Panker sitzt in der Fußgängerzone, die Beine übereinandergeschlagen. Unter seiner dicken Winterjacke blickt der Kopf von Koko hervor, sein Hund. Panker ist obdachlos. Seit 13 Jahren schlägt er sich durch, ohne Dach über dem Kopf. Lebt „auf Platte“, immer draußen. Auch bei Eiseskälte.

Wohnungslosenhilfe vermittelt Wohnungen

Nicht nur für Panker, für alle Obdachlosen ist der Winter die wohl schlimmste Jahreszeit. Eine Zeit, in der manche Großstädte ihre U-Bahnhöfe für Wohnungslose öffnen. Eine U-Bahn hat Delmenhorst zwar nicht, dafür aber die Ambulante Wohnungslosenhilfe der Diakonie. Sie berät Obdachlose, die eine Bleibe finden wollen. „Wir vermitteln auch Übergangswohnungen“, erklärt Mitarbeiterin Ina Schulz. „Doch im Moment sind alle belegt.“ Die Wohnungslosenhilfe arbeitet eng mit dem Tagesaufenthalt an der Willmsstraße zusammen. Ein Anlaufpunkt für Wohnungslose, die dort etwas essen, sich duschen und ihre Wäsche waschen können.

Notschlafplatz auf Gut Dauelsberg

130 Obdachlose wurden in Delmenhorst 2015 offiziell erfasst, so Schulz. Aktuelle Zahlen für dieses Jahr gibt es nicht. Die Frage: Wo finden diese Menschen kurzfristig Unterschlupf? Gerade jetzt, wo die Temperaturen immer häufiger unter den Gefrierpunkt rutschen? Zum Beispiel auf Gut Dauelsberg. Die Heimstätte bietet zur Zeit sieben Schlafplätze an, für Männer. Kurios: Nicht ein Platz ist derzeit belegt. „Ich kann mir das nicht erklären“, sagt Heimleiter Helmut Blauth. „Bei den Temperaturen sollten wir eigentlich überlaufen sein.“ Drei Mahlzeiten bekommen die Obdachlosen am Tag, sie können duschen, haben ein Freizeitangebot – alles kostenlos. Das zahlt die Stadt. Blauth beobachtet den Trend schon seit Längerem: „Immer mal wieder kommen zwei, drei Obdachlose vorbei. Doch ausgebucht sind wir nun wirklich nicht.“ Woran das liegt: Blauth weiß es nicht. „Vielleicht kommen viele nicht mit dem Alkoholverbot auf dem Gut zurecht“, wirft der Heimleiter ein. Er appelliert an die Wohnungslosen, die Heimstätte aufzusuchen: „Wir weisen niemanden ab. In Delmenhorst muss keiner draußen schlafen.“

Isomatte und Schlafsack

Panker, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, tut es trotzdem. Er weiß nie, an welchem Ort er schlafen wird. Das entscheidet er immer spontan. „Ist einfach sicherer, als einen Stammplatz zu haben“, meint der 46-Jährige. Wenn möglich, sucht er sich eine überdachte Stelle, ruhig, windgeschützt, nicht einsehbar. „Dort, wo keiner einen vermutet.“ Pankers wichtigste Utensilien sind eine Isomatte und ein Daunensack. „Der hält bis zu minus 15 Grad warm“, erzählt der gebürtige Wilhemshavener. Er ist Einzelgänger, nur Hund Koko begleitet ihn überallhin. Panker möchte weg von der Straße, in eine Wohnung ziehen. „Ich bin auf der Suche, denn jünger werde ich auch nicht mehr“, sagt er, zieht den Kragen nach oben und bedankt sich bei dem Passanten, der im Vorbeigehen eine Münze in seine Dose wirft.