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Ein erster Blick als Neubürger Delmenhorst – nicht so schlimm wie gedacht

Von Kai Hasse | 22.08.2017, 08:23 Uhr

Wer neu kommt in die Stadt Delmenhorst, sieht die Stadt nicht grad mit rosaroter Brille. Aber vielleicht mit etwas mehr Abstand als Delmenhorster selbst. Ein Erfahrungsbericht eines Neu-Delmenhorsters.

Delmenhorst. „Wohin? Delmenhorst?“ Ja, genau, Delmenhorst. „Da kommt Sarah Connor her, oder?“ Delmenhorster werden diesen Dialog kennen. Und wer neu in die Stadt zieht, rüstet sich für den etwas trivialen Schlagabtausch über den „Hip“-Status dieser Stadt mit dem etwas holprigen Namen, in dem irgendwie der „Vollhorst“ mitklingt. Und wo der Ort nun ist, weiß kein Mensch. Was in Foren oder in der bestimmenden Facebook-Gruppe der Stadt geredet wird, lässt vermuten, dass Delmenhorst ein gottverlassenes Kaff ist. Zu Unrecht.

Hunderte von Ansichtskarten

Ab ins Internet, für einen ersten Eindruck. Bei der Verkaufsplattform Ebay gibt es aus Delmenhorst faktisch ausschließlich historische Ansichtskarten für Sammler. Darauf Bilder vom Marktplatz, Krankenkasse, Luftbilder, ein grimmig aussehender militärischer Wachturm, ein Kranich in der Graft. Das zieht sich über Hunderte von Einträgen.

Wollepark, Düsternort – zwei Ghettos

Die Video-Plattform Youtube spuckt einen deprimierenden Strauß schlechter Nachrichten aus, die sich um leere Warenhäuser, abgerissene Wohnhäuser und Unfälle drehen. Dazwischen aber eingesprenkelt Videos von Stadtfest oder Festidel. Der Imagefilm der Stadt, der thematisch damit beginnt, wie schnell man aus der Stadt heraus kommt nach Oldenburg oder Bremen, ist mit unter den ersten Plätzen. Der Rapper „Major49“, der offensichtlich aus der Region kommt, textet „...bleib auf Distanz, aber f... wen Du f... kannst. So lautet das Gesetz auf der Street in Delmenhorst. Wollepark, Düsternort - zwei Ghettos.“ Jemand kommentiert: „Da schämt man sich direkt, aus Del zu kommen.“ Deutlich bekannter sollte natürlich der Song von „Element of Crime“ sein - einer Band, die es selbst bei hoffnungsvollen Texten stets schafft, dem Ganzen eine wehmütige Moll-Note zu verpassen. Sänger Sven Regener interpretierte Delmenhorst in dem Lied einmal als quasi x-beliebigen Zufluchtsort. Irgendein Fleck in Deutschland eben.

Wie von Gott geknutscht

Mag sein. Ich fahr mal durch. Straßen okay, Häuser mal nett, mal langweilig. An einer großen Straße stampfen Bagger mit Hydraulikhammer-Aufsatz Häuserblöcke in Grund und Boden, wie Tyrannosaurier, die einen gigantischen Pflanzenfresser abmurksen. Ich schlendere durch die Graft. Sie ist schön wie von Gott geknutscht. Der grimmig aussehende Wachturm von den Postkarten entpuppt sich als Wasserturm und Wahrzeichen der Stadt. Der Marktplatz der Stadt wird mitbestimmt von einem Fastfood-Restaurant. Die „Markthalle“ ist eine unüblich zentrale und runde Veranstaltungshalle mitten drin – bemerkenswert. Von dem Rathaus behaupten mitgehende Freunde, dass es in Deutschland auch hässlichere gäbe. Ein kleiner Murmelbach schmiegt sich an. Es ist insgesamt nicht so schlimm.

Schlaglichter auf schlechte Nachrichten

Es gab Industrie, die starb. Lange her. Anderen Städten starb lange davor und lange danach die Industrie weg. Es gab hohe Kriminalität – mittlerweile ist die eher durchschnittlich. 1992 gab es über 10.600 registrierte Straftaten, 2016 waren es 6641. Schlaglichtweise taucht Delmenhorst mit schlechten Nachrichten in bundesweiten Medien auf – andere Städte auch. Es gibt keinen offensichtlichen Grund für einen Minderwertigkeitskomplex.

Messen an Metropolen

Dann ziehe ich ein, an den Rand von Düsternort, eines der „Ghettos“. Es folgt der zweite Blick und immer mehr der Schnack mit Delmenhorstern. „Diejenigen, die im Internet Delmenhorst schlecht machen, das sind die Delmenhorster selbst“, sagt ein Kollege. Im Internet sind meist eher die Jüngeren aktiv. Vielleicht diejenigen, die auf tollen Partys nicht einfach ihre Heimatstadt Berlin, Leipzig oder Hamburg erwähnen und sofort ein wenig toller wirken können. Diejenigen, die sich mit angesagten Metropolen messen müssen - oder wollen.

Warum eigentlich raus?

Wer in Hamburg-Barmbek wohnt und nach Mitte will, braucht dafür bummelig eine halbe Stunde. Wer von Delmenhorst in eine brodelnde Hansestadt will, braucht dafür in den meisten Fällen noch weniger. Elf bis 14 Minuten braucht der Zug von hier zum Bremer Hauptbahnhof.

Aber: Warum eigentlich raus? „Du hast fast jedes Wochenende eine Veranstaltung“, sagt der Kollege. „Es ist enorm, was sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Ständig ist etwas los.“ Ein Blick in den Veranstaltungskalender der Stadt bestätigt das: Festidel, Weinfest, Nabucco auf der Burginsel, Bierbörse. Einige Makel hat der sich anbahnende Glanz auf den zweiten Blick. Die speziellsten Angebote im Sport- oder Kulturbereich findet man nicht. Aber: Die findet man auch nicht in Bremen.

Spagat zwischen ruhig und weltläufig

Wer sich niederlassen will, versucht üblicherweise einen Spagat: Man will dort leben, wo es gemütlich, sicher und schön ist, mit guten Schulen und einem regen Vereinsleben. Gleichzeitig will man Zugang haben zu den spezielleren Angeboten einer Metropole. Deshalb suchen sich viele Menschen eine Heimat in den Randgebieten der weltläufigen Städte. Dort, wo die Mieten noch bezahlbar sind, und wo der ÖPNV die Lebensader zu den Innenstädten ist. Wie... Delmenhorst.

Keine „Fast-Bremer“

Wer das Nölen gewohnt ist, sagt „Schlafstadt“. Aber die Leute schlafen nicht. Sie sind organisiert in Vereinen – 59 listet allein der Stadtsportbund, 99 die Stadt selbst. Sie treffen sich jedes Wochenende zu Veranstaltungen, schlendern im Park, gehen zur VHS inmitten eines der größten Industriedenkmäler Europas, bummelig 14.000 gehen jährlich ins Niederdeutsche Theater. Sie sind keine „Fast-Bremer“, die es nicht geschafft haben in die große Stadt, welche ihnen von den Wohngebieten bis zur Stadtmitte eh keine schnellere ÖPNV-Anbindung bieten würde, und die in den Wohngegenden nicht die Struktur eines Zwischenzentrums hätten, wie es Delmenhorst vor Ort bietet. „Hier leben Menschen, die vielleicht nicht reich sind und en vogue“, sagt eine Delmenhorsterin, „aber sie sind glücklich. Und sie passen aufeinander auf. Sie helfen sich.“ Just an dem Tag, als sie das sagt, finde ich einen formlosen Zettel in der Post: Andy und Angelika aus der Nachbarschaft haben extra für alle Düsternorter ein Online-Forum eingerichtet, in dem man sich austauschen kann. Zum Kennenlernen und um die Gemeinschaft zu stärken.

Ja, genau: Delmenhorst

„Wohin? Delmenhorst?“ Ja, genau, Delmenhorst. Da, wo Du gern hin würdest. Das müsste man auf Partys sagen. Da, wo Du gern hin würdest, und wenn nicht heute, dann bald. Nur weißt Du es nicht. Und manche Delmenhorster wissen es auch nicht. Schade eigentlich. Zeit, dass sich das ändert.