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Ein unbekanntes Kapitel entdeckt Die FDJ existierte ein paar Jahre auch in Delmenhorst

Von Paul Wilhelm Glöckner | 20.04.2019, 15:02 Uhr

Der Brief eines Zeitzeugen offenbart bisher kaum Bekanntes aus den ersten Nachkriegsjahren in Delmenhorst: Die FDJ war auch in der Delmestadt aktiv.

Dass die Freie Deutsche Jugend (FDJ) einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Delmenhorst junge Menschen im sozialistischen Sinne zusammenfassen und beeinflussen wollte, ist heute weitgehend unbekannt. Auch in dem Artikel von Sönke Ehmen in „Von Hus und Heimat“ über die Tätigkeit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bis zu deren Verbot 1956 (Nr. 8, 24.2.2007) wird über die FDJ nicht berichtet.

Erster Anlauf im Westen schon 1945

Dabei hat es diese schon 1946 in der Delmestadt gegeben, wie aus einem Brief ihres ehemaligen Vorsitzenden Kurt J. Körper aus dem Jahre 1988 an den Autor hervorgeht. Schon im Dezember 1945 war in Düsseldorf ein erster Anlauf zu einer derartigen Organisation erfolgt, sogar noch drei Monate vor deren Gründung in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone. Die Initiatoren, die zumeist Mitglieder der KPD waren oder dieser politischen Richtung nahestanden, wollten mit Hilfe der von ihnen erfassten Jugend ein „neues demokratisches Deutschland aufbauen, ohne Faschismus, ohne Militarismus und ohne Monopole, mit garantierten sozialen Rechten für Kinder und Jugendliche“.

Kein Gefallen an der Hitlerjugend

Diese Zielsetzung hat Körper sicherlich gefallen, denn ihm hatte es vor 1945 beim Deutschen Jungvolk und in der Hitlerjugend (HJ) gar nicht behagt. Besonders sein Aufenthalt bei der Kinderlandverschickung (KLV) mit seiner Klasse des Willms-Gymnasiums 1940 im KLV-Lager Mindelheim ist ihm übel aufgestoßen. „Da mussten wir den Berg zur hoch oben befindlichen Burg hinauf robben und das Essen war schlecht weil die HJ-Führer und die Lehrer die wertvollen Teile, Butter und Belag verspeisten“.

In die KPD eingetreten

Und auch den Dienst in der HJ hatte er nur lustlos mitgemacht. Schließlich schrieb der Schüler „eine SOS-Karte nach Hause“, wurde vorzeitig abgeholt und galt „damals schon als Nestbeschmutzer“. Dennoch blieb ihm der Dienst in verschiedenen Flakstellungen mit seiner Klasse der Oberschule Bremen-Neustadt, zu der er gewechselt war, nicht erspart und von März bis Mai 1945 hat man den Schüler sogar noch zum Reichsarbeitsdienst nach Esens eingezogen. Sicherlich werden diese persönlichen Erfahrungen zu seinem Eintritt in die KPD 1946 beigetragen haben.

Ideologisches Rüstzeug in Meißen gesucht

Wie überörtlich auch, hat die Delmenhorster Gruppe sich besonders gegen die Wiederbewaffnung ausgesprochen, die im Zuge des sich immer mehr eskalierenden Kalten Krieges zwischen den Westmächten und der Sowjetunion bald auf der Tagesordnung der sich bildenden Bundesrepublik auftauchte. Kurt J. Körper, der auch als Jugendobmann im KPD-Kreisvorstand Delmenhorst amtierte, wollte sich dazu das notwendige ideologische Rüstzeug beim II. Parlament der FDJ in Meißen im Jahre 1947 holen. Doch den dazu notwendigen Interzonenpass erhielt er „von den englischen Behörden in Oldenburg, trotz Zusage“ erst verspätet. Da hatte er bereits die Reise angetreten und den Grenzübertritt illegal vollzogen.

„Auf dem falschen Dampfer“

Meißen hat Körper dann stark beeindruckt. „Dort spiegelte sich ein bunter Pluralismus wieder, marschierten dort doch sogar die Esperantisten mit eigener Fahne auf.“ „Beim III. Parlament der FDJ 1949 (inzwischen hatte Körper 1948 sein Abitur in Bremen abgelegt und studierte an der Uni Leipzig Gesellschaftswissenschaften, Anm. des Autors) war alles anders: Die blauen Hemden der in den Staat integrierten DDR-FDJ bestimmten das Bild. Als bewaffnete Vopo (Vorläufer der NVA) den Saal betrat, folgte stürmischer Beifall. Unsereiner wurde gezwungen, auf den Stuhl zu steigen. Das Gefühl in der Masse zu versinken, stellte sich 1950 wieder verstärkt beim Weltjugendtreffen in Berlin ein. Ich fühlte, dass ich auf dem falschen Dampfer war.“

Desillusioniert aus der KPD ausgetreten

Lieder mit Texten wie „Die Freie Deutsche Jugend stürmt Berlin“ oder „Greift zum Gewehr, Kameraden“ haben Körper offenbar desillusioniert. Er verzog wieder nach Delmenhorst und trat 1951 aus der KPD aus. Vielleicht hat ihn auch das in diesem Jahr von der Bundesregierung erlassene Verbot der FDJ im gesamten Bundesgebiet darin bestärkt. Unser Zeitzeuge studierte danach an der Uni Köln und wurde Diplom-Volkswirt. 1966 ist er dann in die SPD eingetreten.

Dass es in Delmenhorst auch nach dem Verbot noch illegale Tätigkeit der FDJ gegeben hat, weist ein Vorfall auf der DGB-Kundgebung zum 1. Mai 1953 aus. Damals haben FDJler dort Flugblätter verteilt und sind von der Polizei gestellt worden.