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Ein Westfale im Norden Pastoralreferent Fohrmann mag Delmenhorster Diaspora

Von Marco Julius | 02.02.2016, 17:23 Uhr

Der gebürtige Westfale Thomas Fohrmann hat sich ganz bewusst Delmenhorst als Lebensmittelpunkt ausgesucht. Der katholische Westfale wollte in der Diaspora arbeiten.

Was verschlägt einen Westfalen nach Delmenhorst? Einen katholischen Westfalen zumal? Sicher, der Beruf entscheidet zuweilen über den Wohnort. Da hat man oft nicht die Wahl. Thomas Fohrmann, seit August des vergangenen Jahres Pastoralreferent in St. Marien, zuständig unter anderem für die Gemeinden in Delmenhorst und Ganderkesee, hat sich ganz bewusst für die Stadt entschieden. So wie er sich zuvor für Wilhelmshaven als Ort der dreijährigen Ausbildung entschieden hatte. „Diaspora“, sagt Fohrmann im Gespräch und lacht. Er hätte auch ins katholische Münsterland gehen können. Doch als er nach möglichen Einsatzgebieten gefragt wurde, war klar: „Da will ich nicht hin.“

Nach neuen Wegen suchen

Fohrmann mag Herausforderungen. Die Diaspora ist so eine. Städte wie Wilhelmshaven und Delmenhorst sind es für ihn auch: „Von der Sozialstruktur sind sie vergleichbar, sicherlich kein leichtes Pflaster.“ Aber sicherlich auch gute Orte, wenn man, wie Fohrmann, neben den bestehenden Traditionen nach neuen Wegen sucht, wie Kirche heutzutage funktionieren kann. Das kommt in der katholischen Kirche auch im Jahr 2016 nicht bei jedem gut an. Fohrmann kann das aushalten. Er will seinen Weg gehen. Und er muss nicht groß betonen, dass er als Theologe kein Traditionalist reinsten Wassers ist. Gerade weil er sich stark in der Jugendarbeit engagiert, sucht er moderne Antworten. „Kirche muss Antworten darauf finden, wie sie junge Menschen erreichen will.“ Der 40-Jährige, geboren in Selm, ist seit Anfang des Jahres auch Dekanatsjugendseelsorger im Dekanat Delmenhorst. „Der Titel ist neu, die Aufgaben sind geblieben“, erläutert Fohrmann, dem der westfälische Zungenschlag noch nicht abhanden gekommen ist. „Mehr Geld gibt es übrigens auch nicht“, sagt er und lacht. Als Pastoralreferent kümmert er sich verstärkt um St. Christophorus, wo es seit der Fusion keinen eigenen Pfarrer mehr gibt. Er ist zudem zuständig für die Zusammenarbeit mit der Caritas und derzeit aktiv in Flüchtlingsfragen. Kinder auf die Firmung vorzubereiten, gehörte schon zu seinen Aufgaben, bevor er zum Dekanatsjugendseelsorger ernannt wurde. Zwei Zeltlager stehen im Sommer an, zudem bietet er für Jugendliche eine Kanu-Tour durch Schweden an. „14, 15 junge Leute zusammen, das ist allein schon eine religiöse Erfahrung, wenn sich ein Team bildet. Ich will den Glauben erlebbar machen und nicht von oben herab predigen“, sagt Fohrmann. „Wenn wir abends am Lagerfeuer sitzen, reden wir – wie man so schön sagt – über Gott und die Welt. Und das ist buchstäblich so.“

Erfahrungen als Gefängnisseelsorger

Der Theologe, der sich während des Studiums als Trauerredner Geld dazu verdient hat, hat eindringliche Erfahrungen als Gefängnisseelsorger gemacht. „Im Knast fallen die letzten Masken. Da bricht bei vielen der Schutzwall, da geht es dann um die wichtigen, die letzten Fragen – und natürlich die Antworten. Da will jemand von Dir wissen: Was kommt noch?“ Fohrmann sagt, es sei für ihn eine intensive und schöne Erfahrung gewesen, mit Gefangenen, auch mit „richtig harten Jungs“, ins Gespräch zu kommen. „Man kommt auch ins Grübeln. Vielleicht hat man ja selbst einfach Glück gehabt, nicht auf die schiefe Bahn geraten zu sein. Bei vielen Knackis hat sich ihr Weg aus der Familienstruktur heraus fast zwangsläufig ergeben.“

Erkenntnis in Esterwegen

Eine intensive Erfahrung hat Fohrmann, der lange Zeit auch mit dem Gedanken gespielt hat, Pfarrer zu werden, zuletzt auch im ehemaligen Konzentrationslager Esterwegen im Emsland gemacht. Mit einer Jugendgruppe ist er dort hin, wo dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte erlebbar sind. In dem Lager mussten Häftlinge schwerste Arbeiten bei der Kultivierung des Moores verrichten, bis zur Erschöpfung, meist über Jahre, oft bis in den Tod. „Ich habe den Mann, der uns das Lager erklärt hat, gefragt: Ist das hier nicht schlimmer als Auschwitz? Dort wurden die Menschen schnell vergast, hier haben sie über Jahre gelitten.“ Die Antwort hat Fohrmann beeindruckt. „Der Mann sagte: ,Der Unterschied ist: In Esterwegen hatte die Menschen trotz aller Leiden noch Hoffnung.‘ Da ist mir noch einmal klar geworden, wie wichtig Hoffnung ist. Wenn man so will, ist das eine tief religiöse Erfahrung.“ Eine Erfahrung, die in den Arbeitsalltag des Delmenhorster Westfalen einfließen wird.