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Einblicke in einen Mikrokosmos Was fasziniert die Menschen am Kleingärtnern?

Von Merlin Hinkelmann | 13.05.2017, 12:34 Uhr

Die meisten tun es der Freiheit wegen. Raus aus der urbanen Hektik, rein in die Natur. Gleichgesinnte treffen, abschalten. Kleingartenvereine sind ein Mikrokosmos. Hinter jeder Parzelle steht ein Mensch, und jeder hat seine ganz eigene Geschichte.

Margrit Niebur und Werner Rosowski haben ihr Stück Freiheit gefunden. Kleingärtnerverein Deichhorst, Parzelle 5, 423 Quadratmeter. Sauber geschnittener Rasen, gepflegte Beete und eine Laube, die mehr an ein Wohnzimmer erinnert als an eine Gartenhütte. Mit Ledersofa, Kühlschrank und allem Drum und Dran. Es ist ein kühler Tag im Mai, leicht windig, der Himmel ist wolkenverhangen. In der Laube ist es angenehm warm, der Gasofen bollert. Margrit Niebur setzt Kaffee auf. Im letzten Jahr wurde die 69-Jährige Mitglied im Verein, zusammen mit ihrem Lebenspartner. Beide wollten raus. Raus in die Natur. „Es gab diesen Punkt, da wollten wir etwas Neues. Wir kannten irgendwann jeden Winkel auf unserem Balkon“, sagt Werner Rosowski.

Wunsch nach Erholung und Nähe zur Natur

Mit der Parzelle haben sie einen Glücksgriff gelandet. „Die Vorbesitzerin hatte schon viel gepflanzt, das war eine gute Basis für uns“, erzählt Margrit Niebur und schenkt Kaffee ein. „Es ist so schön, draußen zu sitzen und die Tiere zu beobachten. Eigentlich ist immer was los.“ Gerade erst hat sie neues Futter für die Vögel gekauft. Immer, wenn sie ihren Garten besucht, legt sie auch einen Apfel ins Beet. „Am Ende des Tages ist der weg“, sagt Margrit Niebur. Den Wunsch nach Erholung und Naturnähe haben viele. Rund 270 Mitglieder zählt der Kleingärtnerverein Deichhorst. 142 Gärten gibt es insgesamt auf dem Gelände, etwa zehn davon wechseln jährlich ihre Besitzer. „Einige Pächter sterben, andere geben ihren Garten aus Altersgründen auf“, weiß Günter Prösch, Zweiter Vorsitzender im Verein. Und ein alter Hase unter den Deichhorster Kleingärtnern. Seit Frühjahr 1996 ist er dabei. Ein echter Kleingärtner zu sein, das bedeutet für Günter Prösch mehr, als nur eine Parzelle zu besitzen.

Nach dem Krieg dienten Gärten zum Überleben

„Man muss sich um seinen Garten kümmern“, sagt er. Dazu gehört auch der Anbau von Gemüse und Obst. Im Winter wälzt Günter Prösch Kataloge und bestellt die ersten Pflanzen. In den letzten Jahren hat er seine Äpfel häufig zum Mosten gebracht. Der Start in die Gartensaison lief in diesem Jahr nicht gut. „Es war so rattenkalt – meine Kiwi ist inzwischen bis auf die Blätter tot. Auch meine Erdbeeren mögen das kalte Wetter nicht. Wir können von Glück sagen, dass wir nicht auf die Ernte angewiesen sind.“ Bei der Gründung des Vereins im Jahr 1947 sah das noch anders aus. Da wurden die Gärten ausschließlich für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzt. Nach dem Krieg herrschte Armut. „Den Menschen blieb gar nichts Anderes übrig“, erzählt der 65-Jährige. Die Kleingärtner von heute haben diese Sorgen nicht mehr. Trotzdem: Wer einen Kleingarten sein Eigen nennt, hat immer Arbeit. Ein Projekt für Jahre, manchmal auch für ein ganzes Leben. Holz verwittert, Unkraut wuchert – und immer wieder verlangen die Lauben nach Reparaturen. Ohne ein wenig handwerkliches Geschick ist Kleingärtnern ein Ding der Unmöglichkeit. „Man ist nie fertig. Man hat ständig neue Ideen“, sagt Günter Prösch. Wie das Insektenhotel, das er in seinem Garten aufgestellt hat. „Da ist inzwischen mehr los als auf dem Frankfurter Flughafen.“

Ein Ort mit festen Regeln

Der Kleingärtnerverein Deichhorst, das hat er mit anderen Vereinen gemein, lebt vom Miteinander. Erst kürzlich wurde der Maibaum vor dem Vereinsheim aufgestellt, aktuell laufen die Vorbereitungen für den 11. Juni auf Hochtouren. „Dann feiern wir unser 70-jähriges Bestehen“, kündigt der Vereinsvorsitzende Gerhard Brinkmann an. „Die Beteiligung an solchen Festen ist leider weniger geworden“, stellt er fest. Woran liegt das? Der Vereinschef schüttelt den Kopf. Er weiß es nicht. „Viele Leute bleiben unter sich. Mit den jungen Menschen ist es einfacher, die sind kontaktfreudiger.“ Manchmal scheitert es aber auch an der Verständigung. Aserbaidschan, Syrien, Türkei, Kasachstan, Nigeria, Ukraine. Auf einer Fläche von 7,2 Hektar leben die unterschiedlichsten Nationalitäten ihren Traum vom Kleingärtnern. Ein Ort der Integration. Zwischen Apfelbaum und Gartenzwerg. Aber eben auch ein Ort mit festen Regeln. Vieles hier ist reglementiert. Wer eine neue Laube aufstellen will, muss einen Bauantrag stellen. Sie darf nicht mehr als 24 Quadratmeter groß sein. Mindestens ein Drittel der Gartenfläche muss zum Anbau von Obst oder Gemüse genutzt werden. Und ganz wichtig: Fließendes Wasser ist verboten. „Ständiges Wohnen ist ein Kündigungsgrund“, erläutert Gerhard Brinkmann. All diese Dinge stehen im Bundeskleingartengesetz. Paragrafen und Vorschriften: Das ist nichts für jeden. „Es gibt Leute, die schreckt so etwas ab“, sagt der Vorsitzende. Er sieht das pragmatisch. „Wo Menschen zusammenkommen, da braucht es nun mal Regeln.“

Gartenzwerg als Statement

Kleingärtner als Inbegriff deutscher Spießigkeit? Günter Prösch winkt ab. „In den 90er Jahren waren wir für viele die Hüter der Gartenzwerge. Einige Vereine haben sich daraufhin in Gartenfreunde umbenannt. Um das Image loszuwerden.“ Heute, 2017, ist das Image weitgehend verschwunden. Die Gartenzwerge aber sind geblieben. Im Kleingärtnerverein Deichhorst sieht man sie in fast jedem Garten. Große, kleine – in allen Formen und Farben. Margrit Niebur und Werner Rosowski haben auch einen. Einen Elvis-Gartenzwerg. Er steht mitten auf dem Tisch. Kitschig? I wo! Günter Prösch lächelt. Für ihn ist der Zwerg ein Statement, das er sich nicht nehmen lassen will. „Wir sind halt trotzig. Wir sind und bleiben Kleingärtner.“