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Eine dk-Prognose Was der Hertie-Investor in Delmenhorst wirklich will...

Von Michael Korn | 06.05.2017, 10:58 Uhr

Der Abriss des alten Hertie-Parkhauses und die erstaunlichen Vorwerk-Pläne machen skeptisch: Will der Investor die Kaufhaus-Ruine tatsächlich für den Einzelhandel umbauen – oder für wesentlich profitablere Wohnungen?

Ohne begründete Aussicht auf eine überfällige Bausanierung geschweige denn Wiederauferstehung als pulsierendes Einkaufszentrum marodiert die Kaufhaus-Ruine von Hertie, ehemals Karstadt, auch im achten Jahr vor sich hin. Hoffnungsbotschaften und Ankündigungswellen durch den Investor können nicht den Blick dafür verschleiern, dass eine wirtschaftliche und stadtbildprägende Zukunft des grauen Betonklotzes im Herzen der Innenstadt noch Jahre auf sich warten lassen könnte. Symbolkräftig sind derweil die Neupflasterungsarbeiten der Fußgängerzone an dem baufälligen Riesen vorbeigeschritten.

An Investor geklammert

Zunächst schien es, als würden ausschließlich die schwierigen Delmenhorster Standortfaktoren wie mangelnde Kundenfrequenz, fallende Umsätze und zu geringe Aufenthaltsqualität eine zeitnahe Revitalisierung und Vermarktung des Gebäudes erschweren. Viele in der Ratspolitik klammerten sich an die Hoffnung, der Investor (Erste Projektgesellschaft Delmenhorst als Teil des Zechbau-Konzerns) werde schon über ausreichende finanzielle Potenz sowie Kontakte verfügen, um das Megaprojekt wie angekündigt zu stemmen – mit großem Mieter aus der Modebranche, weiteren Geschäften sowie Büros.

Ernüchterung weicht Skepsis

Der zwischenzeitlichen Ernüchterung über einen andauernden Stillstand ist mittlerweile die Skepsis über die tatsächlichen Planungen gewichen. Der Investor selbst reduziert gebetsmühlenartig das Gelingen einer neuen Einkaufsadresse auf das Schaffen von Kundenparkplätzen Am Vorwerk. Andernfalls finde kein namhafter Bekleidungsmarkt den Weg nach Delmenhorst. Eben diese dringendst benötigten Parkplätze aber hat er selbst mit dem Abriss des Hertie-Kaufhauses vernichtet. Städtebauliche Gründe werden hier – auch von der Verwaltungsspitze – vorgeschoben. Dabei ist es schwer nachvollziehbar, wieso ein Parkhaus Am Vorwerk verkehrlich besser angebunden werden kann als das inzwischen beseitigte Hertie-Parkhaus und warum es städtebaulich einen Unterschied macht, eine Parkgarage am Vorwerk hochzuziehen.

Wohnungen profitabler als Gewerbe

Mit der kürzlichen Präsentation dieser Entwürfe für eine „Parkpalette“ mit bis zu 285 Stellflächen ließ der Investor seine wirtschaftliche Hauptmotivation für sein Engagement in Delmenhorst erkennen: Es geht um Wohnungen, die derzeit ohnehin in Delmenhorst und anderswo knapp und dementsprechend teuer sind. Anstelle des Hertie-Parkhauses plant der Investor Eigentumswohnungen und das Parkhaus am Vorwerk will er ebenfalls mit mehr als 50 neuen Wohnungen umringen. So lässt sich erahnen, dass bald auch das Ende der hehren Pläne für das Kern-Objekt, die Hertie-Ruine, nahen könnte. Statt eines Modehauses über zwei Etagen dürfte es nur noch um die üblichen Läden im Erdgeschoss und in der Hauptsache um Wohnungen gehen. Das ist wesentlich profitabler als die – womöglich unrentable – unattraktive Ködermiete für einen Textilisten. Bis zur Sommerpause jedenfalls hat der Investor die Ratsparteien zum Entscheid Pro oder Contra für ein Vorwerk-Parkhaus aufgefordert...

Delmenhorst kein Einzelfall

Auf dem Spiel stehen Millionen Steuergelder, die als sogenannte Städtebauförderung dem Investor je nach Baufortschritt bereitgestellt werden. Mit bis zu 5,5 Millionen Euro öffentlicher Gelder von den 14,5 Millionen Euro erwarteten Gesamtkosten wäre sicherlich ein solider Grundstock für eine gute Rendite gelegt.

Dabei steht Delmenhorst mit der Hertie-Bürde nicht alleine da: In Ratingen (NRW) etwa hat der Stadtrat kürzlich 4,4 Millionen Euro für den Ankauf des dortigen leerstehenden Kaufhauses beschlossen. Mehrere Vermarktungsversuche blieben erfolglos, jetzt zeichnet sich der Abriss des Betonklotzes ab. Auch in Ratingen träumt man nun von großflächigem Einzelhandel als Magneten für die Innenstadt.