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Eine Million in Delmenhorst hinterzogen? Steuerprozess gegen Huder: Parteien werfen sich Lügen vor

Von Ole Rosenbohm | 26.05.2017, 13:17 Uhr

Lügt der Angeklagte oder lügt der Hauptbelastungszeuge? Der Strafprozess um Steuerbetrug in Delmenhorst vor dem Landgericht Oldenburg gegen einen 50-Jährigen aus Hude entwickelt sich zu einem spannenden Fall.

Der Angeklagte soll, wirft ihm die Anklage vor, über eine Million Euro Steuern hinterzogen haben. Geschafft haben soll er dies mit fingierten Rechnungen des Hauptbelastungszeugen, die er als Betriebskosten absetzen konnte. Waren – in diesem Fall Paletten oder Gitterboxen – aber habe er nie erhalten.

Falsch, sagt der Angeklagte. Der Zeuge habe ihn Woche für Woche über Jahre mit Paletten beliefert und dafür auch Geld gesehen. Stimmt diese Behauptung, hätte dieser Zeuge die Steuern hinterzogen. Stimmt sie nicht, droht dem Angeklagten Gefängnis.

Palettenhandel kann ein gutes Geschäft sein. Sie werden ständig gebraucht, zum Beispiel im Einzelhandel, kommen schnell auf den Markt und sind leicht zu reparieren. Je nach Marktlage kostet eine neue Palette etwas über zehn Euro, eine gute gebrauchte um die fünf, eine beschädigte unter einem Euro.

Hauptbelastungszeuge wirkt dubios

Eine klare Tendenz, wer von den beiden ehemaligen Geschäftspartnern recht hat, konnten auch die bisher befragten Zeugen nicht liefern. Der ehemalige Angestellte des Palettenhandels etwa sagte aus, dass der Hauptbelastungszeuge mehrmals die Woche mit Lastwagen oder Pkw-Anhänger Paletten lieferte. Es existieren auch Lieferscheine. Andere, ehemalige Geschäftspartner des Angeklagten haben ihn zwar regelmäßig auf dem Gelände verortet, ihn aber nie Waren ausliefern sehen. Auch die Sekretärin hatte das offenbar nie beobachtet – sie war allerdings nur vormittags da.

Dubios wirkt der Hauptbelastungszeuge aber. Gelebt haben will er von knapp 500 Euro Provision für Vermittlung von Geschäften oder dem Ausstellen von fingierten Rechnungen. Paletten will er nie selbst gehandelt haben. Dennoch fuhr er teure Autos. Offenbar hortete er auch jede Menge Bargeld in der heimischen Wohnung. Noch bis vor Kurzem soll er über das Internet Paletten in großem Stil vermittelt haben – und das unentgeltlich.

Aufklärung soll bis 20. Juni erfolgen

Die Ermittler des Finanzamtes glauben ihm aber. Er habe sich immerhin bei seiner eigenen Steuerprüfung erheblich selbst belastet, auch sei nirgendwo ein Lager entdeckt worden, in dem die sperrigen Paletten gelagert werden könnten. Und genügend Mittel, solche Geschäfte abzuwickeln, habe er auch nicht.

Für die Delmenhorster Verteidiger Kai-Uwe Lindenbauer und Axel Heinken ist das zu viel Vertrauen seitens der Behörden. Die wahren Vermögensverhältnisse seien nicht überprüft worden, werfen sie den Ermittlern vor. Und die Steuerfahnderin habe den Zeugen sogar vor Nachforschungen der Rechtsanwälte gewarnt, sagen sie. Spätestens am 20. Juni will das Gericht entscheiden, wer gelogen hat.