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Einzelschicksale des Krieges Sowohl Vater als auch Sohn in Frankreich gefallen

Von Dirk Hamm | 23.11.2015, 16:43 Uhr

Hinter den Millionen Toten der Weltkriege stehen ganz konkrete Schicksale. Wie das von Hermann Tönjes, dem der Urenkel nachspürte.

Der Blutzoll des Völkerschlachtens von 1914 bis 1918 war unvorstellbar groß, allein in Delmenhorst wurde während des Ersten Weltkriegs der Tod von 824 jungen Männern betrauert. Dass sich hinter dieser nackten Zahl Einzelschicksale verbargen, hat kürzlich am Volkstrauertag eine Veranstaltung in der Stadtkirche deutlich gemacht: Während einer Lesung mit dem Schauspieler Johannes Mitternacht wurde auch an die Kriegstoten erinnert, zeigten Bilder die Gesichter der Männer, die in den Krieg zogen und nicht mehr zurückkamen.

Grunddaten eines viel zu kurzen Lebens rekonstruiert

Einer der Delmenhorster Gefallenen war der Buchdrucker und Gastwirt Hermann Tönjes. Sein Urenkel, Ralf Neunaber, betreibt seit einigen Jahren Ahnenforschung und hat sich dabei auch auf die Suche nach Informationen über seinen Urgroßvater begeben. Schriftliche Zeugnisse, etwa Briefe oder Tagebucheintragungen, sind von diesem zwar nicht überliefert, so kann man die Gedanken des Soldaten angesichts des Grauens der Schützengräben nur erahnen. Und dennoch erhält das massenhafte Sterben ein Gesicht und einen Namen, wenn Einzelheiten über den Lebenslauf zum Vorschein kommen, dazu einige wenige Fotografien.

Mithilfe von Archivauskünften, alten Kirchenbüchern und im Internet zugänglicher Informationen konnte Ralf Neunaber die Grunddaten des viel zu kurzen Lebens seines Urgroßvaters rekonstruieren: Am 16. April 1878 in Delmenhorst geboren, Buchdruckerlehre, am 23. April 1904 Hochzeit mit der Wirtstochter Anna Ziegeler, aus der Ehe gingen ein Sohn und zwei Töchter hervor. 1911 wird Hermann Tönjes die Schanklizenz ausgestellt, er übernimmt die längst nicht mehr existierende Gaststätte mit Kegelbahn „Zum schwarzen Ross“ an der Langen Straße.

Tod in blutiger Winterschlacht

Dann der Krieg: Hermann Tönjes diente in der 12. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 74. Am 16. Februar 1915 ist er in der Winterschlacht in der Champagne südwestlich von Paris gefallen. Einem Chronikband sind über diese Schlacht folgende Informationen zu entnehmen: „Am 16. Februar greifen 17 lnfanterie- und drei Kavalleriedivisionen der 4. französischen Armee auf einem etwa zehn Kilometer breiten Frontabschnitt südöstlich von Reims an. Wochenlanger Artilleriebeschuss, der sich unmittelbar vor Beginn des Angriffs zum stundenlangen Trommelfeuer steigert, bereitet die Offensive vor.“

Es gehört zur Tragik der Jahrzehnte zwischen dem Krieg von 1870/71 und dem Jahr 1945, dass oft mehrere Generationen junger Männer hintereinander in die Schlacht ziehen mussten. So auch im Falle Hermann Tönjes: Sein Sohn Heinrich, auch das hat Ralf Neunaber bei seinen Nachforschungen ermittelt, ist im August 1944 ebenfalls in Frankreich gefallen, bei Chartres – nur eine Autostunde vom Sterbeort seines Vaters entfernt.