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„Er ist wieder da“ im Kleinen Haus Viel Applaus für Bühnen-Hitler in Delmenhorst

Von Eyke Swarovsky | 16.05.2017, 18:40 Uhr

Das Buch war ein Bestseller, der Film ein Erfolg und auch die Bühnenfassung von Timur Vermes‘ „Er ist wieder da“ kommt an. Am Montag sorgte die Produktion des Altonaer Theaters in Zusammenarbeit mit dem Theater am Kurfürstendamm im Kleinen Haus für viele Lacher und einige unangenehme Momente.

Projektionen auf das Bühnenbild verraten: Wir befinden uns in Berlin. Ein verstaubter Mann in Uniform liegt auf der Straße und erwacht plötzlich zum Leben. Oberlippenbart, Scheitel – sofort ist klar: Es ist Adolf Hitler. Bereits der erste Satz des Abends, „Bormann? Wo ist Bormann?“ sorgt beim geschichtskundigen Teil des Publikums für Lacher. Es geht in den nächsten zweieinhalb Stunden im fast ausverkauften Kleinen Haus also um das Lachen über Hitler. Oder steckt doch mehr dahinter?

„Propaganda, das kann ich!“

Hitler, grandios verkörpert von Kristian Bader, stellt am Kiosk nach einem Blick in die Zeitung fest, dass er sich im heutigen Berlin befindet. Und doch macht er gleich da weiter, wo er 1945 aufgehört hat. Nachdem ihm der Kioskbesitzer (Ole Schloßhauer) einen Müsliriegel reicht, stellt Hitler mit rollendem „R“ fest: „Die Versorgungsengpässe mit Brot scheinen also noch immer nicht behoben.“ Der Kioskbesitzer hält den Mann für einen Schauspieler. Schnell wächst ihm der Gedanke, das Talent des Imitators mithilfe seiner Freunde aus Funk und Fernsehen auf die große Bühne zu bringen. Hitler selbst muss sich im heutigen Deutschland erst einmal zurechtfinden, wittert aber schnell die große Chance („Propaganda, das kann ich!“), nachdem er entsetzt feststellen muss, dass im deutschen Fernsehen heute hauptsächlich gekocht wird.

Applaus für Hitler-Rede

Sawatzki (Stefan Roschny) nimmt Hitler mit zur TV-Produktionsfirma „Flashlight“, wo Kollegin Bellini (Kerstin Hilbig) feststellt „Ihr seid alle vermariobarthet“ und Hitler im Fernsehen sei doch mal „ein neuer Akzent“ und einen Versuch wert. So bekommt der „Führer“ als Testballon einen Gastauftritt in der Comedy-Show von Ali Wizgür. Als er in der Sendung schließlich Sätze ins Mikro spricht, wie „Es ist wahr, dass der Türke kein Kulturmensch ist“, und dafür aus dem Delmenhorster Publikum vereinzelt Applaus erntet, dürfte dem einen oder anderen Zuschauer ein Kloß im Hals gewachsen sein. Es ist erstaunlich, wie schnell Menschen auch heute noch auf geschickte Rhetorik anspringen.

„Auf den Führer! Sieg Heil!“

Der Auftritt wird zum Youtube-Hit. Ein Großteil der Deutschen feiert Hitler, weil alles „so echt und nicht nachgemacht“ ist. Die Produzenten stoßen mit „Auf den Führer!“ an, strecken den Arm zum Deutschen Gruß aus und skandieren aus voller Kehle „Sieg Heil!“ Es wirkt komisch und beängstigend zugleich – und doch kann nicht geleugnet werden, dass von dieser Gruppendynamik mit enormer Energie eine gewisse Faszination ausgeht.

Geschichte wiederholt sich

Mit dem Quotenerfolg folgt die eigene Talkshow, in der Hitler Platz für lange Interviews und niederschmetternde Rhetorik bekommt. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Im Talk ringt er die Grünen-Politikerin Renate Künast mit Worten schnell zu Boden. Für eine Doku über einen Besuch Hitlers bei der NPD bekommt „Flashlight“ den Grimme-Preis. Hitler wird gefeiert.

Hitler ist nicht tot zu kriegen

Auf dem neuen Zenit der Popularität wird Hitler jedoch selbst zum gejagten. Ausgerechnet von einer Gruppe Neonazis wird er brutal niedergeschlagen. Leblos liegt er auf dem Boden. Ein eingeblendetes EKG zeigt den Herzstillstand des „Führers“. Der Schrecken scheint ein Ende zu haben. Doch plötzlich schlägt das EKG doch wieder aus, Hitler sitzt wieder aufrecht und zeigt damit die Moral der Geschichte: Hitler ist nicht nur wieder da. Er war nie wirklich weg. Und wie es aussieht, ist er auch leider niemals ganz tot zu kriegen. Eine beklemmende Pointe, die dem Zuschauer hoffentlich genauso im Kopf bleiben wird, wie die großartige schauspielerische Leistung des Ensembles.