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Erinnerung wachhalten Gedenken an Delmenhorster Opfer der Novemberpogrome

Von Marco Julius | 09.11.2015, 17:57 Uhr

Zum Gedenken an die Opfer der Novemberpo-grome von 1938 hat die Stadt am Montag ins Rathaus geladen. Im Anschluss wurden am jüdischen Friedhof Kränze niedergelegt.

Zu einer Gedenkstunde für die Opfer der Novemberpogrome im Jahr 1938 hat die Stadtverwaltung am Montag in den großen Ratssaal eingeladen, um, wie es Oberbürgermeister Axel Jahnz ausdrückte, „an eine der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte“ zu erinnern. Vor 77 Jahren stand auch die Synagoge an der Cramerstraße in Flammen, in Brand gesetzt von Nazis.

Für Mitmenschlichkeit und Toleranz

Jahnz erinnerte daran, dass SA und SS die Pogromnacht nicht im Geheimen, sondern auf offener Straße vollzogen. Die allermeisten Bürger hätten aber weggeschaut und geschwiegen. Auch deshalb erfülle ihn der 9. November mit Trauer und Scham. Nach der Pogromnacht habe niemand mehr bezweifeln können, dass es „dem NS-Regime blutiger Ernst war“. Der 9. November 1938 sei der Beginn des Zivilisationsbruches gewesen, der im Holocaust endete. Jahnz schlug zudem den Bogen zur Gegenwart. „Gedenken heißt erinnern und nachdenken“, so der Oberbürgermeister, es heiße aber auch, in Gegenwart und Zukunft gegen Antisemitismus, Intoleranz und Rassismus vorzugehen und für Mitmenschlichkeit, Toleranz und Gewaltlosigkeit einzutreten. „Frieden gibt es nur, wenn es Menschen gibt, die ihn stiften.“

Auch Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst, verknüpfte das Gedenken mit der aktuellen politischen Lage. „Ich bin stolz darauf, wie Kriegsflüchtlinge in den vergangenen Wochen und Monaten in Delmenhorst aufgenommen wurden“, sagte er. Die Demokratie und das Wertesystem seien wie eine wachsende Blume, die stetig gepflegt werden müsse. Wichtig sei es, die Jugend mitzunehmen bei dem Bestreben, die Verbrechen der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Becerra bedankte sich beim Freundes- und Förderkreis der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst für sein Engagement und richtete auch Worte des Dankes an das „Breite Bündnis gegen Rechts – Delmenhorst bleibt bunt“, das zeige, dass es für rechte Gruppen keinen Platz in der Gesellschaft gebe.

Kein spontaner Volkszorn

Dr. Christiane Goldenstedt, Zweite Vorsitzende des Freundeskreises, erinnerte gemeinsam mit Waltraud Kurzhals-Dingel an die Pogromnacht und machte deutlich, dass es sich bei dem Vorgehen gegen jüdische Mitbürger keineswegs um spontanen Volkszorn gehandelt habe. Vielmehr sei die Pogromnacht gezielt geplant und vorbereitet worden, um die Politik der Vertreibung und Vernichtung zu befeuern. Mit Blick auf Pegida in Sachsen, auf das Attentat gegen die künftige Oberbürgermeisterin von Köln, auf brennende Unterkünfte von Flüchtlingen und islamfeindliche Straftaten machte Goldenstedt zudem deutlich, wie Geschichte und Gegenwart zusammenhängen.

Dr. Norbert Boese, Vorsitzender des Freundeskreises, betonte, dass er dankbar sei, „dass sich unsere Stadt der Geschichte stelle, auch wenn es wehtut“. Die Erinnerung müsse weiter aktiv wachgehalten werden. Er verwies auf die „Nacht der Jugend“, die am vergangenen Freitag gezeigt habe, dass sich auch die junge Generation für das Thema interessiert. Er sagte aber auch, es mache ihn traurig, dass es heute Schüler gibt, die aus Angst vor den Folgen nicht über ihren jüdischen Glauben sprechen wollen. „Glaube ist Privatsache, aber es darf keine Angst geben, sich zu bekennen“, sagte Boese.

Kranz am Firedhof niedergelegt

Die Gedenkstunde im Rathaus wurde musikalisch begleitet von Elise Wienand und Minh Delina Nguyen von der Musikschule der Stadt. Nach der Gedenkstunde schloss sich ein Gang zum jüdischen Friedhof an, wo Kränze niedergelegt wurden. Dabei passierten die Teilnehmer auch den Standort der ehemaligen Synagoge an der Cramerstraße, die am 9. November 1938 in Flammen stand.