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Erinnerungen an schwere Kindheit Ehemalige Ganderkeseerin im Lager zur Welt gekommen

Von Dirk Hamm | 29.07.2017, 12:14 Uhr

Ihre traumatische Kindheit hat die in Ganderkesee aufgewachsene Christa Enchelmaier in einem Buch aufgearbeitet. Sie ist in einem Umsiedlungslager zur Welt gekommen.

Als sie als Zehnjährige mit ihrer Familie 1950 in Ganderkesee in ein eigenes kleines Häuschen einzog, sei das „wie eine Befreiung“ gewesen, erinnert sich Christa Enchelmaier. Denn zuvor hatte sie in beengten Verhältnissen als Flüchtlingskind bei einem Bauern gelebt, sie musste sich das Bett mit ihrer Mutter und Schwester teilen.

Schwein für Hausbau verkauft

Der Verkauf eines Schweins, das ihre Mutter für die Arbeit auf dem Hof erhalten hatte, bildete den Grundstock für den Kauf eines Grundstücks an der damals noch nicht dicht besiedelten Birkenallee. Weder Strom- noch Wasseranschluss hatte das Haus, berichtet die heute 76-Jährige, die in Brackenheim in Baden-Württemberg lebt. Doch das bescheidene Eigenheim war allemal eine Verbesserung gegenüber den bedrückenden Lebensbedingungen in den Jahren zuvor.

Christa Enchelmaier hat ihre erschütternden Kindheitserlebnisse in Buchform verarbeitet. „Unterwegs geboren¨– Eine heimatlose Kindheit“ ist der Titel ihrer autobiografischen Erzählung. Das 250 Seiten starke Werk liegt als Taschenbuch und E-Book vor, erschienen im Klecks-Verlag.

Vorfahren wanderten nach Bessarabien aus

Die Geschichte beginnt weit vor der Geburt der Autorin. Die Ur-Ur-Ur-Großeltern waren im Jahr 1833 aus einem schwäbischen Dorf nach Bessarabien am Schwarzen Meer ausgewandert. Als Hitler die Bessarabiendeutschen 1940 nach Deutschland zurückbeorderte, mussten sie alles, was sie aufgebaut hatten, zurücklassen. Im besetzten Polen wurde der Familie Hasenfuss – so lautet der Geburtsname Enchelmaiers – im Warthegau ein Hof zugewiesen, der den Polen weggenommen worden war. Im Umsiedlungslager in Böhmisch Leipa (Sudetenland) kam Christa Enchelmaier 1940 zur Welt.

Mit vier Jahren im Gefängnis

Während der Kriegsjahre wurde ihr Vater Robert als Soldat nach Russland geschickt, erst 1949 kehrte er zurück. Mutter Anna hatte nun allein die Last zu tragen, sich und ihre zwei Töchter durchzubringen. Dann, gegen Kriegsende 1945, kam der Zusammenbruch im Osten. Die Flucht in den Westen misslang, der Weg war durch eine gesprengte Oderbrücke versperrt.

Christa, erst vier Jahre alt, und ihre Familie landeten in einem polnischen Gefängnis. Eine äußerst bedrohliche Lage: „Die wollten uns erschießen. Ein junger polnischer Milizangehöriger stand schon mit dem Gewehr bereit.“

„Wir bekamen nichts zu essen“

Nach drei Wochen ging es in ein Arbeitslager. Enchelmaier erinnert sich: „Wir bekamen nichts zu essen.“ Eine prägende Zeit sei es für sie gewesen, „diese ganzen Erlebnisse, die ein Kind gar nicht einordnen kann“. Nach einem Dreivierteljahr folgte die Freilassung, und über Umwege gelangte die Familie nach Elmeloh.

Nur nicht auffallen, um weiteren Repressalien aus dem Weg zu gehen, war für die Deutschen nach Kriegsende in Polen die Devise. Ein in der Not antrainiertes Verhalten, das sich später nur schwer ablegen ließ, wie die Autorin erzählt: „Ich konnte auch in der Schule niemandem in die Augen schauen. Die anderen Schüler haben gesagt: ‚Die ist nicht ehrlich, die guckt einem ja nicht in die Augen.‘“ Hänseleien und Demütigungen waren für die Flüchtlinge an der Tagesordnung, da verwundert es nicht, dass Christa Enchelmaier sagt, nicht gerne an ihre Volksschulzeit in Ganderkesee zurückzudenken.

1961 aus Ganderkesee weggezogen

Immerhin sollte sich die materielle Situation nach ein paar Jahren verbessern: 1958 zog die Familie Hasenfuss in ein größeres Haus ein, nachdem an der Birkenallee eine Nebenerwerbssiedlung errichtet worden war. 1961 verließ Christa Enchelmaier Ganderkesee in Richtung Süddeutschland. Ihre Eltern wohnten weiter an der Birkenallee und wurden in Ganderkesee beerdigt.