Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Fachtag in Delmenhorst Junge Flüchtlinge: Psychisch Kranke bei Drogen oft auffällig

Von Frederik Grabbe | 13.06.2017, 16:42 Uhr

Misshandlungen während der Kindheit, Gefahren auf dem Fluchtweg - und ein sich anschließender Drogenkonsum. Die Psyche junger Flüchtlinge und mögliche Drogenabhängigkeiten waren am Dienstag Thema einer Fachtagung für Fachkräfte in der Kinder- und Jugendarbeit in der Delmenhorster Markthalle.

Sie haben teilweise schlimmste Erfahrungen hinter sich und benötigen massive Hilfe: Flüchtlinge im Kinder- und Jugendalter. Oftmals wurden sie selbst Zeugen von Gewalt, haben Leichen gesehen – oder wurden selbst Gewaltopfer. Die Eindrücke, die die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Flüchtlingsambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Dr. Areej Zindler, am Dienstag in der Markthalle schilderte, waren teilweise erschütternd. Der Kommunalpräventive Rat (KPR) hatte zum Fachtag zum Thema Suchtprävention eingeladen. Inwiefern Flucht-Traumata mit einer Drogensucht einhergehen war eine Frage, auf die Zindler eine Antwort gab.

Drogenkonsum unter psychisch Kranken weit verbreitet

Denn ihren Angaben nach ist der Drogenkonsum unter jungen Flüchtlingen, die in der Klinik wegen psychischer Auffälligkeiten zur Behandlung gemeldet werden ganz erheblich: Rund die Hälfte dieser Gruppe habe ein Problem mit Drogen, so Zindler, wenngleich der Konsum aus Scham häufig verschwiegen werde. Cannabis oder Alkohol seien die am häufigsten verwendeten Drogen. Aber: In der Regel erhielten die Jugendlichen eine gute Prognose. „Meistens konsumieren sie Drogen, um Traumata zu bewältigen oder um nachts in den Schlaf zu finden.“

Paket an Vorbelastungen

Mitunter liege ein ganzes Paket an Vorbelastungen vor: Misshandlungen in der Kindheit, ein Fluchtweg, auf dem sich Jugendliche möglicherweise prostituieren, um die Flucht zu bezahlen, oder infolge dessen posttraumatische Belastungsstörungen, die das Erlebte im Land, in dem Schutz gesucht wird, nicht verwinden lassen: Dies waren nur einige der Aspekte, die Zindler nannte. Die Schwere der Störungen hingen ihren Ausführungen nach auch vom Herkunftsland ab. 20 bis 84 Prozent aller unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlinge hätten eine posttraumatische Belastungsstörung – und Somalier seien „am kränksten“, weil sie zum Beispiel als Kindersoldaten dienen mussten. Zindlers Ausführungen war auch zu entnehmen: Das Trauma müssen im Zielland nicht enden. Zeigten sich Erfolge in der Psychotherapie, könnten diese durch einen abgelehnten Asylantrag zunichtegemacht werden. „Dieser bedeutet oft einen regelrechten Einbruch“, so Zindler.

Mediensucht war ebenfalls Thema

In einem zweiten Vortrag sprach Tim Berthold von der Anonymen Drogenberatung über Medien-Sucht. Der Fachtag richtete sich an rund 100 Fachkräfte unterschiedlichster Institutionen in der Kinder- und Jugendarbeit.