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Fachtag sucht nach Lösungen Schulverweigerer wachsendes Problem in Delmenhorst

Von Marco Julius | 23.11.2017, 07:25 Uhr

Was muss getan werden, damit Schulpflicht nicht als lästiges Übel, sondern als Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben verstanden wird? So lautete eine Frage des Fachtags.

Der Fachmann spricht von Schulabsentismus. Es geht dabei gar nicht um den Schüler, der vielleicht mal die sechste Stunde schwänzt. Es geht um die Schüler, die trotz Schulpflicht immer wieder der Schule fernbleiben. „Jeder Tag, an dem ein Kind nicht zur Schule geht, ist ein verlorener Tag, erhöht die Gefahr, schulisch zu scheitern und in der Folge womöglich lange auf staatliche Unterstützung wie das Arbeitslosengeld II angewiesen zu sein“, sagt Siegfried Dreckmann von der Stabsstelle Bildung und Soziales der Stadt. Er hat den Fachtag „Schulmeidung – ein unbeliebtes Thema“, der am Mittwoch im Hanse-Wissenschaftskolleg aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema blickte, federführend organisiert. Während des Tages ging es auch um die Frage, was Bußgelder oder Jugendarrest bewirken können. Dass Schulverweigerern ein Bußgeld droht, wissen viele nicht. Dieses Bußgeld kann auch in Sozialstunden abgearbeitet werden. Wird weder gezahlt noch abgearbeitet, ist Arrest der nächste Schritt.

„Die Fallzahlen steigen, obwohl die Schülerzahl gesunken ist“, sagte Dreckmann. Es sei an der Zeit, die etablierten Verfahren und den fachlichen und gesellschaftlichen Umgang mit der Schulmeidung zu hinterfragen und neu auszurichten.

Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung

Das ist auch das Anliegen von Professor Heinrich Ricking von der Uni Oldenburg, der den Hauptvortrag hielt. Der Experte sprach über „Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung“, blickte aber stets über den Tellerrand hinaus.

„Bei Schulabsentismus handelt es sich nicht um eine Bagatelle oder Ordnungswidrigkeit. Sie ist vielmehr Kennzeichen für profunde Problematiken.“ Wer immer wieder der Schule fernbleibe, dem drohe die soziale Randständigkeit, dem werde die berufliche Integration erschwert und dem drohten auch gesundheitliche Folgen, machte Ricking deutlich.

Die Ursachen für Schulabsentismus seien vielfältig. „Die Schule erreicht oft ihre Zielgruppe nicht mehr“, sagt der Fachmann. Er berichtete von einer Schule in Baltimore, die schließen musste, weil dauerhaft mehr als die Hälfte der gemeldeten Schüler dem Unterricht fernblieb. In Deutschland sei zu erkennen, das vor allem Berufsschulen mit Schulmeidern zu tun haben. „An den Gymnasien gibt es weniger Probleme, an Hauptschulen deutlich mehr“, zeigte Ricking einen Zusammenhang auf und verwies auf bildungsferne Familien, in denen ein höheres Risiko bestehe, dass Kinder zu Schulverweigerern werden. Für ihn ist aber klar: Die individuelle Grundlage für Schulmeidung beginnt früher, schon beim Wechsel von der Kita in die Grundschule und eben dort, auch wenn das Problem erst später sichtbar werde. „Da müssen wir ansetzen. Prävention fängt bei uns zu spät an. Wir wissen viel mehr, als wir dann in den Prozess einbringen.“

Angst vor Mobbing und Gewalt

Das chronische Fehlen ohne Entschuldigung könne aus Schulangst – etwa bei Leistungsdruck – oder bei Angst vor Mobbing und Gewalt entstehen. Es gebe aber auch Schüler, die aus Angst vor der Trennung von Bezugspersonen nicht zur Schule gehen. „Man kennt das aus der Kita, da ist es normal. Doch es gibt auch Elfjährige, die sich nicht lösen können“, sagt Ricking. Im Übrigen sei es in 40 Prozent der Fälle so, dass die Eltern über das Verhalten ihre Kinder Bescheid wissen.

Ricking benannte nicht nur den Status quo, er hatte auch einen Plan für die Prävention in der Praxis mitgebracht. Nicht nur Schulen und Eltern seien gefordert, auch wenn diese beiden Parteien vieles erreichen könnten. Wichtig sei vor allem eine schnelle Rückkopplung zwischen Schule und Erziehungsberechtigten, wenn Schüler fehlen.