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Fallada-Stück in Delmenhorst Regisseur mit falscher Rücksicht

Von Alexander Schnackenburg | 01.03.2015, 18:12 Uhr

Erinnerungskultur im Kleinen Haus: Doch so gut Fallada vom Widerstand eines einfachen Ehepaars gegen das NS-Regime erzählt, so mau mutet die Inszenierung der Schauspielbühnen Stuttgart an.

Allzu reich ist sie nicht: die Theaterliteratur zum innerdeutschen Widerstand gegen das Nazi-Regime. Umso naheliegender also, dass sich nun mit den Schauspielbühnen Stuttgart ein weiteres Theater des Autors Hans Fallada angenommen hat – mit einer Bühnenfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“. In diesem Roman erzählt Fallada auf der Grundlage von Gestapo-Akten die packende Geschichte zweier Eheleute, die sich nach dem Verlust des Sohnes im Krieg von Mitläufern zu Widerständlern wandelten.

Jüdische Gemeinde und Förderkreis im Publikum

Etwa zu zwei Drittel füllte sich der Saal des Kleinen Hauses zur Vorstellung des Stücks. Allein die Jüdische Gemeinde und ihr Freundeskreis, die sich zusammen mit Schülern der Integrierten Gesamtschule intensiv auf den Abend vorbereitet hatten, hatten sich 42 Karten zurücklegen lassen.

Doch so wertvoll und ambitioniert das Projekt, so enttäuschend die Vorstellung. Denn Regisseur Volkmar Kamm, zugleich Autor der Bühnenfassung, ist genau in dieselbe Falle getappt, in die seit Jahren die meisten Regisseure tappen, wenn es gilt, einen Roman auf die Bühne zu heben.

Im Schweinsgalopp durch das „ganze“ Buch

Statt sich nämlich auf die Stärken des Mediums Theater zu besinnen, die naturgemäß vor allem in der Kraft der Bilder wie der gesprochenen Worte liegen, hat Kamm versucht, so viel wie möglich aus der 850 Seiten starken Vorlage irgendwie auf die Bühne zu zwingen – und führt das Publikum nunmehr mit unzähligen kurzen, teils fragmentarisch daherkommenden Szenen im Schweinsgalopp durch das „ganze“ Buch.

Das geht natürlich arg zulasten der atmosphärischen Dichte, der Genauigkeit und schließlich auch der beklemmenden Spannung, die den Roman so sehr auszeichnet. Den enormen Druck, die Todesangst, unter welcher die Hauptfiguren Falladas, die Eheleute Quangel, auf Postkarten die Gräueltaten des Nazi-Regimes anprangern, empfindet der Zuschauer nicht ansatzweise nach. Er muss sich die Dramatik der Ereignisse eher rational und mithilfe seiner Geschichtskenntnisse erschließen.

Zu viel Hässliches wird geglättet

Hinzu kommt, dass der Regisseur viel zu viel Hässliches glättet und damit abschwächt: die Eiseskälte der nationalsozialistischen Karrieristen des Stücks etwa verschleiert er durch satirische Überzeichnungen, Folterszenen deutet er nur an, statt sie auszuweiden, und sogar Pistolenschüsse krachen nur gedämpft. Es scheint, als wolle Kamm sein Publikum schonen.

Dem Geist des Romans aber, an den sich der Regisseur doch so eng klammert, entspricht das nicht.