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Falscher Polizist aus Delmenhorst Angeklagter kommt um riesige Schulden herum

Von Ole Rosenbohm | 18.12.2018, 19:39 Uhr

Enorme Geldbeträge hat ein junger Delmenhorster als Teil einer Band mit dem „Polizistentrick“ ergaunert. Das ganze erbeutete Geld muss er nicht zurückzahlen.

22 Jahre alt ist der angeklagte Delmenhorster, vom Amtsgericht wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in Tateinheit mit Amtsanmaßung zu einem Jahr und neun Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Keine wirklich hohe Strafe. Aber bis zu seinem Berufungsverfahren vor dem Landgericht Oldenburg stand er vor einem Schuldenberg, an dem er wohl ein ganzes Leben zu knabbern hätte.

195.000 Euro sollten von dem jungen Mann eingezogen werden. Die zweite Instanz minderte am Montag den Betrag auf vergleichsweise verschwindend geringe 3000.

Maulwurf bei der Bank vorgegaukelt

Nach dem 2017 verschärften Gesetz zur Vermögensabschöpfung muss ein Straftäter damit rechnen, Gewinne oder Schadenssummen aus Verbrechen komplett zurückzahlen zu müssen. Opfer sollen damit leichter an Entschädigungssummen kommen und keinen anstrengenden und teuren Zivilprozess gegen Täter führen müssen.

Der nach seiner Verhaftung geständige 22-Jährige war Teil einer Bande, die vor zwei Jahren alte, gutgläubige Menschen in Duderstadt oder Hannover mit der Masche „Polizistentrick“ um riesige Beträge brachte. Den Opfern wird dabei am Telefon von vermeintlichen, falschen Polizisten vorgegaukelt, ihr Vermögen sei in Gefahr. Weil Einbrecher das Haus im Visier hätten oder weil ein „Maulwurf“ bei der Bank Geld des Opfers gegen Falschgeld austauschen würden. Ein Schauspiel übers Telefon, das Stunden dauern kann und an deren Ende den Opfern weisgemacht wird, dass sie ihr Geld oder ihren Schmuck nur retten könnten, indem sie es einem Polizisten anvertrauen. Immer noch fallen Menschen auf so ein Lügengebilde herein. Die Anrufer und Chefs sitzen, sagt die Polizei, in der Türkei, und damit in Sicherheit vor den deutschen Behörden.

Delmenhorster mimt den Polizisten

Die Rolle des Angeklagten war die des Abholers, des falschen Polizisten, der die Taschen entgegennahm, um sie danach weiterzugeben. Taschen mit 60.000 Euro im ersten Fall, 50.000 im zweiten, 85.000 im dritten. Beim vierten Mal wurde er verhaftet. Der zur Tat noch als Heranwachsender geltende 22-Jährige hatte den gefährlichsten Part und dazu einen schlecht bezahlten. Er sei in einer Bar überredet worden, sagte er, er hätte weg gewollt von seinem Nebenjob als Pizzafahrer. „Dumm“ sagen die einen, „jugendtypisch“ sein Anwalt. Bekommen habe er pro Tour 200 bis 300 Euro.

Keine Verfügungsgewalt über die großen Summen

Diese Zahlen wollte ihm das Gericht nicht glauben, auch weil sich bei einer Wohnungsdurchsuchung beim Angeklagten fast 6000 Euro in großen Scheinen fanden. Mit 3000 Euro schätzte das Gericht den Kurierlohn dennoch als verhältnismäßig eher niedrigen ein. Und viel wichtiger: Es ging auch davon aus, dass der Angeklagte „nach Tatplan nicht verfügungsberechtigt“ über die ganz großen Summen gewesen war. Er musste ja alles abgeben, galt somit lediglich als Kurier.

Geld der Opfer verloren

Das Geld, die 195.000, ist für die Opfer damit wohl verloren. „Frustrierend“ fand das der Richter, „aber das darf aber nicht dazu führen, dass man nur die Dummen aus der vordersten Front packt“. Das Urteil ist – sofern niemand Verfassungsbeschwerde einlegt – rechtskräftig. Über die Frage der Einziehung wird es aber noch zu vielen Verfahren kommen. Denn die problematischen Fälle hat der Gesetzgeber offenbar der Rechtsprechung überlassen.