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Feierliche Erinnerung an Abwehrkampf Delmenhorst: „Zehn Jahre kein Nazi-Hotel“

Von Frederik Grabbe | 04.09.2016, 12:53 Uhr

„Delmenhorst ist gegen die rechte Ecke aufgestanden“, „Ich war stolz auf meine Stadt“: Mit großen Worten wurde am Samstag an das kollektive Aufbäumen gegen das geplante Nazi-Hotel in Delmenhorst vor zehn erinnert. Überraschung bei der Veranstaltung gegen rechts rief das Erscheinen von Teilen der AfD hervor. Unterm Strich soll die Veranstaltung regelmäßige Institution werden.

Gutes Wetter, fetzige Musik, ausgelassene Stimmung – und Abneigung gegen die AfD: Am Samstag hatten die Piratenpartei, die Grünen, die CDU und die SPD dazu eingeladen, auf der Hotelwiese daran zu erinnern, wie die Delmenhorster vor zehn Jahren zusammenstanden, um das Schulungszentrum für Neonazis im ehemaligen Hotel am Stadtpark zu verhindern – und das fernab jeglichen Wahlkampfs . Rührten die verschiedenen Parteivertreter zuvor noch in der Fußgängerzone die Werbetrommel, kamen sie am frühen Nachmittag auf der Hotelwiese zusammen, um gemeinsam mit Bratwurst und Bluesmusik an den Delmenhorster Gemeinschaftsgeist von damals zu erinnern – oder wie es der Sänger der „Sun House Blues Band“ Michael Funke sagte: „Zehn Jahre kein Nazi-Hotel!“.

„Gegen die rechte Ecke aufgestanden“

(Weiterlesen: Erinnerung an großen Zusammenhalt in Delmenhorst – Mit Chronik und Interview mit einem der Initiatoren der Bürgerinitiative „Für Delmenhorst“)

„Delmenhorst ist damals gegen die rechte Ecke aufgestanden. Den Bürgern haben wir heute viel zu verdanken. Ihr Zusammenhalt von damals ist noch heute in Deutschland und in Europa Thema“, beschrieb Oberbürgermeister Axel Jahnz das kollektive Aufbäumen. „Bis heute stehen wir dafür ein, nicht mutlos zu sein, nicht zu schweigen, wenn es gegen die rechte Ecke geht“, spielte Jahnz etwa auf der „Breite Bündnis gegen Rechts“ an.

„Ich war stolz auf meine Stadt“

„Es war einfach sehr groß, es waren Tausende auf der Straße“, rief sich Besucherin Waltraud Kurzhals-Dingel die Zeit vor zehn Jahren in Erinnerung. „Ich war entsetzt, ich hatte Angst vor einem möglichen Neonazi-Schulungszentrum.“ Umso eindrücklicher sei der starke Zusammenhalt der Delmenhorster eben durch die „reale“ Bedrohung gewesen, fügte Kurzhals-Dingels Freundin Ute Wessels hinzu. „Ich war zu der Zeit aus beruflichen Gründen nicht in Delmenhorst, aber aus der Ferne war ich stolz auf meine Stadt“, so Wessels. „Man kann über Delmenhorst sagen, was man will, aber das war beispielhaft.“ Und auch wenn über die Nachnutzung der Fläche der Hotelwiese viel diskutiert worden sei, „die Wiese ist nicht uncharmant und darf gerne so bleiben“, sagte Besucher Dieter Mörke.

„Bratwurst gegen rechts“ soll zur festen Institution werden

So ganz ohne zwischenparteiliche Nicklichkeiten – und ohne Wahlkampf? – ging es dann aber doch nicht: Kleinere Parteien fühlten sich ausgeschlossen, weil sie nicht explizit eingeladen worden waren. Zudem wunderte man sich bei der Veranstaltung gegen rechts ziemlich offen über das Erscheinen von AfD-Vertretern auf der Hotelwiese. Unterm Strich aber stand für Andreas Neugebauer, Mitinitiator von der Piratenpartei, fest: „Rund 80 Besucher bei ,Bratwurst gegen rechts‘ sind fürs erste Mal gar nicht schlecht.“ Fürs erste Mal? „Ja, ab jetzt soll es die Veranstaltung jedes Jahr geben“, kündigte er an.