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Flüchtling hilft in Kleiderkammer Brücken bauen im Delmenhorster KleiderKö

Von Frederik Grabbe | 17.02.2016, 07:57 Uhr

Sie floh vor dem Bürgerkriegsgebiet in Syrien nach Deutschland. Heute hilft sie Bedürftigen im KleiderKö in Düsternort. Zinab Seto möchte nicht nur Hilfe empfangen, sondern auch Hilfe leisten. Die Geschichte einer Flucht.

Zinab Seto ist ein wenig zur Ruhe gekommen. Endlich. Nach Monaten der Flucht steht sie heute in einem Raum im KleiderKö und sortiert Mützen Schals, Jacken, Hosen oder Handschuhe. Alles was an Kleiderspenden bei der neuen Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuz‘ an der Königsberger Straße eingeht, geht durch ihre Hände. Zumindest montags, wenn sie im Kleiderkö mit ihrer Schwester Evin aushilft. Lässt sich die Hose noch gebrauchen, oder ist sie doch zu abgetragen? Fehlt nur ein Knopf an der Jacke und ist sie noch benutzbar?

Vieles läuft improvisiert. Aber es läuft.

Es ist eine einfache Arbeit, die die syrische Kurdin Seto verrichtet. Und doch macht sie sie stolz. „Jeder Tag, der kommt, ist besser als gestern“, sagt sie etwas holprig. Seto spricht vier Sprachen. Arabisch, Kurdisch, Türkisch, Englisch und lernt jetzt Deutsch. In Syrien hat sie Bank- und Rechnungswesen studiert. Mit den deutschen Kollegen im KleiderKö, die wie sie ehrenamtlich hier arbeiten, spricht sie Englisch. Manchmal muss ein türkischstämmiger Helfer aus Delmenhorst aushelfen. „Zinab!“, ruft Yücel Yavuzcan ihr zu, zeigt ihr eine Karteikarte mit arabischer Schrift und stellt ihr auf Türkisch eine Frage. „Ah, Socken“, wiederholt Yavuzcan die Antwort auf Deutsch. Im KleiderKö läuft vieles improvisiert. Aber es läuft.

Flucht aus dem Bürgerkriegsgebiet

Seto wird ein wenig unruhig, wenn sie an die letzten Monate in Syrien zurückdenkt, wechselt vom Englischen ins Türkische und wieder zurück. Sie versucht vieles mit Gesten zu beschreiben. Seto stammt aus Aleppo, der Millionenstadt im Norden Syriens, die in den vergangenen Tagen russischen Luftangriffen ausgesetzt war . „In Syrien konnte ich zuletzt acht Monate lang nicht aus der Wohnung gehen. Es war einfach zu gefährlich. Ich habe praktisch nur in der Küche gesessen“, schildert sie. „Ständig mussten wir fragen ,Leben wir, oder sterben wir?‘“ Auf den Straßen sei es unmöglich gewesen, die vielen Terrorgruppen und Rebellengruppen auseinanderzuhalten. „Auf den Dächern saßen Scharfschützen und haben die Leute regelrecht abgeschossen. Wer zu welcher Gruppe gehörte, war nicht zu erkennen“, erzählt Seto.

Als immer mehr Menschen aus der Stadt fliehen, setzt sich ihre Familie schließlich auch in einen Zug. Ihr Vater und ihr Bruder reisen voraus, Seto kommt mit ihren zwei Schwestern und ihrer Mutter vorerst bei Verwandten in Izmir im Westen der Türkei unter. Aufgrund ihres Studiums hatte sie schon zuvor begonnen, Türkisch zu lernen. Zwei Jahre lebt sie mit Mutter und Schwestern in Izmir, arbeitet auf einem Flughafen. Erst jetzt reift der Entschluss, nach Deutschland zu fliehen, Vater und Bruder zu folgen.

Kekse im Flüchtlingslager, aber nur für Kinder

Die Flucht führt über die Ägäis nach Griechenland und über den Balkan bis letztendlich nach Deutschland. Seto nennt Episoden, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind. „Wir saßen in einem Motorboot und waren auf dem Weg über die Ägais nach Griechenland. Auf einmal hatten wir einen Motorschaden und trieben über neun Stunden im Meer umher. Ich konnte nur noch beten. Schließlich konnte der Motor doch noch repariert werden.“ Seto erzählt davon, wie die serbische Grenze geschlossen war, wie ein neuer Weg über Kroatien gefunden werden musste; von Helfern in Flüchtlingslagern, die lediglich Kekse als Lebensmittel austeilen konnten – und die ausschließlich an Kinder – und sie erzählt von einem DRK-Lager in Mazedonien, das im Grunde eine Zeltstadt in einem Matsch-See war, in der es zu übernachten galt.

Doch auch in Deutschland war der Anfang nicht leicht: Setos Weg führte über Frankfurt nach Kassel, wo in einem überfüllten Flüchtlingsheim Afghanen mit Arabern zusammenstießen und eine Vielzahl von Völkern gemischt untergebracht war. Nach zwölf Tagen im Erstaufnahmelager in Bramsche schließlich ging es nach Delmenhorst, wo auch Vater und Bruder untergekommen sind. Nach dem Bürgerkrieg in Syrien und den Monaten der Flucht habe ihre Mutter Angststörungen entwickelt. Hier wird sie endlich behandelt, befindet sich auf dem Weg der Besserung.

Arbeit gibt es genug

Etwas länger als drei Monate lang ist Zinab Seto jetzt in Deutschland und wohnt mit Mutter und Schwestern in einer Wohnung in Düsternort. Drei Mal die Woche lernt sie in einem ehemaligen Raum der Oberschule Süd Deutsch, geht ab und an ins Fitnesscenter und trifft sich mit anderen, um türkische Musik zu hören. Und sie hilft im KleiderKö. Und Arbeit gibt es hier wahrlich genug. „ Nach der Eröffnung des KleiderKö Mitte Januar sind wir mit Kleidung totgeschmissen worden“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des DRK, Sylvia Strössel. Vor allem wegen der Flüchtlingszuwanderung war in Düsternort für Bedürftige die Kleiderkammer eröffnet worden. In einer Ecke sammeln sich die Säcke mit aussortierten Kleidern, doch gemessen an dem, was im ehemaligen Klassenraum nebenan angeboten wird, ist der Ausschuss gering. Strössel hat neue Regale und Kleiderstangen in Auftrag gegeben, zu groß seien die Mengen an Kleiderspenden.

Von Eltern bisher noch keine Kritik

An der Außenstelle der Oberschule Süd, also quasi nebenan, entstehen gerade in drei Klassenräumen Unterkünfte für Flüchtlinge. Einige Eltern kritisieren dies stark. „Von den Eltern selbst habe ich noch keine Kritik mitbekommen“, sagt Strössel. Sie hofft, dass das KleiderKö Brücken bauen wird zwischen Delmenhorstern und Flüchtlingen. 22 Ehrenamtliche helfen mittlerweile im KleiderKö, drei davon sind Flüchtlinge. Das mit dem Brücken bauen scheint bei ihnen schon einmal gut zu klappen.

„Für mich ist die Arbeit im KleiderKö ein erster Schritt in Deutschland. Ich möchte anderen Menschen helfen“, sagt Zinab Seto. Für diese Möglichkeit und für die Aufnahme in Deutschland ist sie sehr dankbar: „Wir erhalten Hilfe, ohne dass wir gefragt werden, wer wir sind oder woher wir kommen“, sagt sie beinahe verwundert. Falls ihr Asylantrag angenommen wird, möchte sie ihren Master in Ökonomie nachholen. Bis es soweit ist, sortiert sie Mützen, Schals Hosen oder Jacken im KleiderKö. „Jeder Tag der kommt“ sagt sie, „ist besser als gestern.“