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Flüchtlinge in der Schule Sprachlernklasse in Delmenhorst mit Familiencharakter

Von Katja Butschbach, Katja Butschbach | 08.03.2016, 07:58 Uhr

In der Sprachlernklasse der Integrierten Gesamtschule lernen Schüler aus neun Ländern in familiärer Atmosphäre Deutsch. Es gibt Bedarf für eine zweite Klasse.

In der Sprachlernklasse der Integrierten Gesamtschule (IGS) kommen Lebensgeschichten und Kulturen zusammen: Kinder aus Syrien, Bulgarien, Griechenland, Somalia, dem Kosovo, Moldawien, Ukraine, Polen, dem Libanon und dem Iran lernen hier gemeinsam Deutsch. Und sie sind eine Gemeinschaft. Die Klasse hat für die Schüler laut Lehrerin Zeliha Cengiz auch Wohnzimmer-Charakter: Sie fühlen sich wohl, kennen und unterstützen sich. „Vielfältigkeit ist hier normal“, sagt Cengiz. Die Klasse sei „eine Riesenfamilie“.

Drei Jahre keine Schule besucht

„Die Lehrer sind nett, und die Schüler auch. Ich lerne hier Deutsch“, sagt Hivyia, die vor neun Monaten aus Syrien nach Deutschland kam. Bis zur sechsten Klasse besuchte sie in ihrer Heimat Syrien eine Schule. Dann kam der Krieg, und sie musste im Dorf bleiben. Drei Jahre konnte sie keine Schule besuchen. Das Mädchen mit dem offenen Lächeln freut sich darüber, dass sie jetzt wieder lernen kann. Sie hat gerade ein einmonatiges Praktikum gemacht – gesplittet in zwei Wochen in einer Kindertagesstätte und zwei Wochen bei C&A. „Das hat viel Spaß gemacht.“

Schwierige Aufgaben

Hivyia freut sich, dass sie schon gut Deutsch spricht. In der Sprachlernklasse geht es an diesem Tag um Präpositionen wie „über“, „unter“ und „zu“. Auf einem Übungsblatt arbeiten drei Mädchen mit dem Ehrenamtlichen Edzard Bennmann Sätze durch, die die Aufgaben zu den Präpositionen mit dem Dativ und dem Akkusativ verbinden. Einfach sind die Aufgaben nicht, und die Schülerinnen füllen die Lücken auf den Blättern sorgfältig aus.

Unterdessen lernt Albrecht Brünner mit dem 16-jährigen Mohamed aus Somalia. Er hatte wie Hivyia ein Betriebspraktikum absolviert, muss deshalb in der Sprachlernklasse einiges aufholen. „Die Sprache ist nicht einfach“, sagt der 16-Jährige, der seit Dezember in der Klasse ist. Die Betreuung sei aber sehr gut für ihn. Im Juli 2015 erreichte er Deutschland, ohne Familie.

„Sie wollen wirklich was lernen“

„Sie sind hoch motiviert, wollen wirklich was lernen“, sagt Lehrerin Stefanie Heidmann über die Kinder in der Sprachlernklasse, die nach den Osterferien vergangenen Jahres eingerichtet wurde. Mit Fördergeldern konnten dann ein Beamer, eine neue Tafel und auch Bücher und Möbel angeschafft werden. Anfangs wurde mit Pantomime und Post-its gearbeitet, um eine Verständigungsbasis zu schaffen.

Die Schüler in der Klasse sind zehn bis 17 Jahre alt. „Sie verstehen sich alle gut“, sagt Heidmann. „Sie lernen voneinander. Das hat Familiencharakter.“ Aus dem, was sie mittlerweile von ihren Schülern wisse, lasse sich erahnen, was sie durchgemacht haben. Die Beschulung der Flüchtlingskinder sei eine wichtige Aufgabe der IGS. „Wir sind eine Schule für alle Kinder.“ Schüler aus der Sprachlernklasse besuchen auch ihre Stammklasse – somit ist die Besetzung immer wieder unterschiedlich. Auch Hivyia ist für Sport, Musik, Mathematik, Englisch und Kunst in einer Regelklasse.

Sechs Jahre für gründlichen Spracherwerb

Es dauert, erklärt Heidmann, sechs Jahre, bis die Zweitsprache so gut beherrscht wird wie die Erstsprache. Nach einem Jahr in der Sprachlernklasse, wenn die Schüler normalerweise in die Regelklassen kommen, könnten sich die Schüler „überall verständigen“, erläutert die Lehrerin. Die Integration in die sechste Klasse sei dann unproblematischer als die in die neunte Klasse. Es gebe hier für Schüler demotivierende Erlebnisse, wenn sie auf Hindernisse stoßen, ihnen Aufgaben abverlangt werden, die sie noch gar nicht bewältigen können, weil sie die Sprache noch nicht so gut beherrschen. „Ein Jahr reicht noch nicht aus. Es muss an der Basis investiert werden“, sagt Heidmann. Sie ist überzeugt: „Man wird die Früchte ernten.“

Aktuell ist in der Sprachlernklasse nicht für alle Schüler Platz, die eine entsprechende Förderung bräuchten. So ist eines von zwei Kindern, die in der gleichen Straße in Damaskus (Syrien) aufwuchsen, in die Sprachlernklasse gekommen, das andere aber nicht.

Für die Sprachlernklasse sind insgesamt drei Lehrer, eine Praktikantin und etwa sieben Helfer zuständig, erläutert Cengiz – nicht alle zeitgleich, aber sie alle tragen zur Betreuung der Schüler bei. Die Bürgerstiftung Delmenhorst schickt Ehrenamtliche in die Sprachlernklasse, sodass die Schüler in kleinen Gruppen zu Wort kommen und gezielt an ihren Schwächen arbeiten können. Die Bedürfnisse der Schüler sind dabei laut Cengiz durchaus unterschiedlich: Manchen müsse zunächst grundsätzlich klargemacht werden, dass sie zur Schule kommen müssen, andere seien sehr motiviert.

„Sie haben alles verloren“

Heidmann erklärt, dass manche Schüler mittags nicht nach Hause wollen: Um 13.10 Uhr endet der Tag in der Sprachlernklasse. Viele Kinder nehmen am Mittagessen teil, freuen sich über ein warmes Mittagessen. Manche wollen bis 15.50 Uhr bleiben. Dann sind sie in ihren Stammklassen. „Sie haben ihre Heimat verloren, sie haben alles verloren, und nun leben sie mit Mutter und zwei Geschwistern in einem Zimmer“, erläutert Heidmann. Rückzugsmöglichkeiten seien oft nicht gegeben. In der Klasse gibt es auch Situationen, die nicht einfach sind. So ist für manche Schüler die Bleibeperspektive unklar. Bei einem Schüler schrieb die Lehrerin an die Ausländerbehörde, setzte sich dafür ein, dass er bleiben darf.

„Wir können sehr viel von diesen Kindern und ihrer Kultur lernen“, sagt Heidmann. Es gebe zum Beispiel einen großen Familienzusammenhalt. In der Klasse erzählten die Kinder von ihren Erfahrungen, die Herkunftsländer sehen sich die Schüler auf einer Karte an.

„Kenne das Gefühl, wenn man in einem anderen Land ist“

Wenn das Schuljahr endet, muss eine Anschlussbeschulung für die Kinder gesucht werden. „Die sechsten und fünften Klassen sind voll“, sagt Heidmann. Man würde die Kinder aber gerne in der Schulgemeinschaft behalten. Der Bedarf für eine zweite Sprachlernklasse sei auf jeden Fall vorhanden. Wie es hier weitergeht, ist momentan noch offen.

Für Edzard Bennmann ist ein Motivation, sich in der Klasse zu engagieren, dass er seine freie Zeit nutzen möchte. Und er möchte den jungen Menschen etwas beibringen. Er hat selbst im Ausland gelebt. „Ich kenne das Gefühl, wenn man in einem anderen Land ist, wo man nicht zuhause ist und sich integrieren muss.“