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Flüchtlinge in Schulen Delmenhorster Lehrer an der Belastungsgrenze

Von Katja Butschbach, Katja Butschbach | 23.02.2016, 08:31 Uhr

256 Flüchtlingskinder werden in Delmenhorster Schulen unterrichtet. Es gibt Sprachlernklassen und eine Alphabetisierungsklasse – diese reichen aber nicht für alle Schüler.

256 Flüchtlingskinder besuchen Delmenhorster Schulen. Dies geht aus der letzten Statistik hervor, die der Stadt von der Landesschulbehörde vorliegt. „Es werden jede Woche mehr“, sagt Fachbereichsleiter Arnold Eckardt aus dem Rathaus. Wöchentlich werden der Stadt 40 bis 60 Flüchtlinge zugewiesen. „Es sind meistens Kinder dabei“, sagt Eckardt. Sobald die Kinder einwohnermelderechtlich registriert seien, müssten sie auch die Schule besuchen. Die Kinder und Jugendlichen besuchen Schulen im Primarbereich, den Sekundarbereich 1 und auch die Berufsbildenden Schulen.

Acht Sprachlernklassen in der Stadt

Die acht Sprachlernklassen in der Stadt stellen laut Eckardt die „Erstversorgung“ dar. An der IGS und an der Hauptschule West gibt es jeweils eine Sprachlernklasse, an den Berufsbildenden Schulen II, an der Oberschule Süd und an der Wilhelm-von-der-Heyde-Oberschule jeweils zwei. „Soweit die Kapazitäten aber überschritten werden, müssen alle schulpflichtigen Kinder nichtdeutscher Herkunft in den Regelklassen beschult werden“, sagt Eckardt. Er gibt zu bedenken, dass es neben den Flüchtlingen auch Zuwanderer aus EU-Gebieten gibt.

„Zuwanderung gibt es schon immer“

Sprachlernklassen, erklärt Eckardt, gebe es in Delmenhorst schon lange – „Zuwanderung gibt es schon immer“. An der Wilhelm-von-der-Heyde-Oberschule zum Beispiel bestehen diese Klassen seit über 20 Jahren, weiß Schulleiter Jürgen Borchers. Von den 708 Schülern sind rund 35 bis 40 Flüchtlingskinder. „Die Lehrer sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen“, erklärt Borchers. Grund seien die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler und die ständig wechselnde Situation dadurch, dass immer Schüler hinzukommen. Auch seien die Klassenstärken relativ groß – bei 28 Schülern ist die Teilungszahl erreicht. Eine Teilung sei aber nur zum Halbjahresende möglich.

„Wir haben zwei ganz stabile Sprachlernklassen mit je 16 Schülern“, sagt Borchers. Die Klassen seien „pickepackevoll“. Seit einem Jahr gibt es an der Schule auch eine Alphabetisierungsklasse für Kinder, die im Ausland nicht zur Schule gegangen sind. „Die Klassen sind altersgemischt“, sagt Borchers. Die Schüler bleiben maximal ein Jahr in den Sprachlernklassen, nur im Ausnahmefall zwei Jahre. Danach kommen sie in die Regelklassen. 16 Schüler seien derzeit in Regelklassen „geparkt“, erläutert der Schulleiter.

Anmeldung der Schüler ist eine Herausforderung

Mit dem Deutschlernen der Flüchtlinge habe seine Schule ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Manche Schüler lernten die Sprache in zwei bis drei Monaten, bei anderen sei es so, dass sie auch nach zwei Jahren noch nicht dem Unterricht folgen könnten. Eine spezielle Kraft kümmert sich um die Schüler, von denen zehn alphabetisiert sind und sechs nicht. Die Flüchtlingskinder besuchen zusätzlich den Matheunterricht, da sie das reine Rechnen auch ohne Sprachkenntnisse erlernen können. Auch Sport und Wahlpflichtunterricht sei hier geeignet.

Wie Karen Ebers, Leiterin der Grundschule Am Grünen Kamp, weiß, ist bereits die Anmeldung der Schüler eine Herausforderung. Dolmetscher seien dabei: Erforderlich sei hier nicht nur jemand, der Arabisch spricht. Auch verschiedene kurdische Dialekte müssten übersetzt werden. Hier würden Kinder als Dolmetscher aktiv. Eine Stunde könne somit eine Aufnahme eines Kindes aus Syrien dauern. „Die Kinder wollen gern lernen“, so die Lehrerin. „Sie saugen alles auf wie ein Schwamm.“

Manche Kinder kennen sprachliche Zeichen gar nicht

15 bis 20 Flüchtlingskinder besuchen ihre Schule, die insgesamt 150 Schüler hat. Im Unterricht selbst ist es derzeit so, dass mit Sprachboxen „Deutsch als Zweitsprache“ gearbeitet wird. Kinder können damit nach Anleitung selbstständig arbeiten. Manche Kinder kennen der Schulleiterin zufolge sprachliche Zeichen allerdings gar nicht. In Deutschland sei es so, dass Kinder das Wort „Stop“ aus dem Straßenverkehr wiedererkennen oder ihren Namen schreiben können. Neu aufgenommene Flüchtlingskinder sind nur ein paar Stunden am Tag in der Schule, die Zeit werde dann aufgestockt. Um die psychologische Betreuung kümmerten sich auch die Sozialpädagogen an der Schule.

Dringend erforderlich sei allerdings sprachliches Einzeltraining. Eine Sprachlernklasse war zum 1. Februar genehmigt. Allerdings, so die Lehrerin, sei hier kein Lehrer verfügbar, sodass die Klasse zum neuen Schuljahr starten werde. Eine Kraft für Sprachförderung kommt in gut einer Woche.

Das Kollegium hat laut Ebers eine Fortbildung gemacht – alle seien sensibilisiert für das Thema. Für die Lehrer sei es schwierig, wenn immer wieder Kinder in die Klasse kommen, die ganz von vorne anfangen müssen. Hier sei es gut, wenn diese Kinder künftig in die Sprachlernklasse kommen. Für die Klassen selbst seien die Flüchtlingskinder eine Bereicherung.

Das in Delmenhorst angesiedelte Sprachförderzentrum der Landesschulbehörde helfe den Schulen unter anderem bei der Konzeptionierung von Sprachlernklassen, so Eckardt.

Wünschenswert sei auch eine Clearingstelle, die klärt, wo die Schüler stehen, wie leistungsfähig sie sind. „Wie sich der Wunsch realisieren lässt, ist offen“, sagt Eckardt. Die Kommunen seien finanziell gebeutelt.

„Ich habe den Eindruck, dass wir in Delmenhorst auch deshalb so gut aufgestellt sind, weil wir so viele Migranten hier haben“, sagt Eckardt zur Gesamtsituation. Die Integrationslotsen hätten sich sofort bereit erklärt zu helfen. „Das ist ein Schatz, den wir haben.“