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Flüchtlingsintegration in Delmenhorst Integrationslotsen: „Wir wirken wie eine Pufferzone“

Von Frederik Grabbe | 30.12.2016, 09:52 Uhr

Die Integrationslotsen sind in Delmenhorst eine echte Institution. Im Interview erzählen sie darüber, wie sich ihre Arbeit gewandelt hat, über Anfeindungen und über ihre eigene Rolle bei der Flüchtlingsbetreuung.

Das Integrationslotsenteam in Delmenhorst stellt für viele Flüchtlinge die Eintrittskarte in die deutsche Gesellschaft dar. Sprachkurse, Wertevermittlung, Stadtrundgänge, die Begleitung bei Behördengängen oder die Kontaktvermittlung zu Kirchen und Moscheen gehören unter anderem zum Portfolio des Vereins. Im Gespräch mit dem dk erzählen die Vorsitzenden Muhanad Paulus und Vahap Aladag darüber, wie sich die Arbeit der Lotsen seit der Zeit der großen Bustransporte verändert hat und wie sich Flüchtlingsfrust abfedern lässt.

 Frage: Herr Paulus, Herr Aladag, vor fast genau einem Jahr erreichte ein Bus mit 111 Flüchtlingen die Halle an der Weverstraße. Wo die Menschen herkamen, ob darin Familien oder alleinstehende Männer sind, wusste die Stadt im Vorfeld nicht. Die Integrationslotsen stellten den ersten Kontakt in den Bussen her. Wie hat sich Ihre Arbeit seitdem verändert?

Paulus: Damals handelte es sich um Flüchtlinge, die über die Amtshilfe nach Delmenhorst kamen. Viele von ihnen haben Delmenhorst sofort wieder verlassen, was auch zulässig war. Damals ging es darum, Schutz, Wärme und Essen zu bieten. Heute beschäftigen uns eher die zugewiesenen Flüchtlinge, also die, die auf Dauer in Delmenhorst bleiben. Da lief und läuft die Aufnahme aber viel geordneter ab. Und wir selbst haben uns professionalisiert.

 Wie meinen Sie das?

Paulus: Vor einem Jahr waren noch vorwiegend Ehrenamtliche für uns tätig. Heute haben wir zwei Verträge zur Aufnahme und Betreuung der Flüchtlinge mit der Stadt geschlossen und führen 15 Beschäftigte auf Mini-Job-Basis. Wir führen ihre Personalien, fordern vor Anstellung Führungszeugnisse und Erklärungen zur Schweigepflicht ein und stellen auch Mitarbeiterausweise aus.

 (Weiterlesen: Kontaktstelle für Flüchtlinge in Delmenhorst eröffnet)

Aladag: Die Ausweise sind wichtig, weil sich zuvor Menschen fälschlicherweise als unsere Mitarbeiter ausgegeben und Geld für ihre Dienste verlangt haben. Die Ausweise werden alle vier Monate erneuert.

 War die Lage vor einem Jahr für Sie denn stressiger als heute?

Paulus: Nein, eigentlich nicht, die Aufgaben haben sich bloß verlagert. Sehen Sie, es war wie mit einem kleinen Kind, das nur Milch trank. Es ist gewachsen, heute hat es andere Bedürfnisse. Dies gilt auch für Flüchtlinge. Heute wissen sie besser über ihre Rechte Bescheid, ihre Sprachkenntnisse haben sich verbessert. Heute werden wir gefragt, wie man einen Führerschein macht oder ein Auto kauft, wie ein Studium aufgenommen werden kann oder wie Berufsabschlüsse anerkannt werden.

 Und welche Fragestellung überwiegt?

Paulus: Eindeutig die Frage nach Arbeit und damit Gespräche mit dem Jobcenter. Wir kämpfen regelmäßig um die Anerkennung von Berufsabschlüssen. Das ist aber ein nationales Thema. Deutschland braucht ein effektiveres Anerkennungsgesetz für Berufe, etwa wie in Kanada.

 (Weiterlesen: Flüchtlinge im Arbeitsmarkt – „Stehen vor großer Herausforderung“)

Aladag: Wir kennen zum Beispiel zwei Zwillingsschwestern, beide sind Ärztinnen. Die eine ist nach England geflüchtet, die andere nach Delmenhorst. Nach einem Jahr arbeitet die in England als Ärztin, bei der in Delmenhorst folgt Maßnahme auf Maßnahme und sie lebt vom Sozialamt. Geschichten wie solche gibt es viele.

Paulus: Die allermeisten schämen sich dafür, vom Sozialamt leben zu müssen und nicht ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber die Hoffnung, auf eigenen Beinen zu stehen, ist da. Es ist unter Flüchtlingen viel Power, viel Wissen vorhanden. Die Gesetzgebung wirkt aber, als hätte man ihre Kompetenzen in einen Gefrierschrank gesperrt.

 Sammelt sich in dieser Wartehaltung nicht viel Frust an?

Aladag: Natürlich. Aber den versuchen wir, aufzufangen. Wir verstehen ihre Kultur, ihre Mentalität. Wir wirken wie eine Pufferzone. Darum gibt es in der Stadt auch kaum offene Konflikte. Dies gelingt auch durch unsere frühe Ansprache. Wir informieren Flüchtlinge in ihrer Muttersprache früh über die deutschen gesellschaftlichen Werte wie die Gleichstellung der Frau, das Unterrichten von Jungen und Mädchen oder die Religionsfreiheit. Das ist für viele neu. Aber es wird akzeptiert.

 (Weiterlesen: Erster Flüchtling in der Delmenhorster Feuerwehr)

 Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle dabei?

Paulus: (lacht) Vahap und ich haben gewissermaßen die Rolle der Gemeindeältesten eingenommen, so wie sie im Nahen Osten typisch ist. Bei Problemen suchen uns Afghanen wie Araber auf, auch ohne dass die Familie davon weiß. Und unser Wort wird akzeptiert. Sie merken, dass wir ein Herz für sie haben.

 Gab es auch Anfeindungen gegenüber den Integrationslotsen?

Paulus: Ja, Aufkleber mit rassistischen Parolen wurden an die Fenster unseres Büros in der Kaufparkpassage geklebt. Aber das lässt mich kalt. Ich sage den Flüchtlingen immer: Zeigt Euch von Eurer besten Seite. Große Konflikte sind ja bislang zum Glück ausgeblieben.

 (Weiterlesen: Gesundheitskarte für Flüchtlinge kommt mit Hürden)

 Abgesehen von einer besseren Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt: Was ließe sich aus Ihrer Sicht im kommenden Jahr verbessern?

Aladag: Bis auf den Umstand, dass wir ein neues Büro suchen, nicht viel. Wir sind hier in Delmenhorst wirklich sehr weit. Die Kommunikation zwischen den Behörden und uns läuft sehr gut. Eine Institution wie die Integrationslotsen gibt es selbst in Bremen oder Oldenburg nicht. Hier hilft der Stadt ihre Erfahrung aus der eigenen Migrationsgeschichte.

Paulus: Wir haben große ehrenamtliche Unterstützung erhalten. 15 Personen leiten Sprachkurse, mittlerweile hat unser Verein 90 Mitglieder. Wir danken den Delmenhorster Bürgern dafür. Das macht mich sehr stolz.