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Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit Frauengesprächskreis der VHS Delmenhorst feiert 30-jähriges Bestehen

Von Niklas Golitschek | 17.12.2019, 16:18 Uhr

Hanna Behrens ist eine Pionierin: Vor 30 Jahren hat sie den Frauengesprächskreis Spurensuche in der Volkshochschule ins Leben gerufen und damit Themen angestoßen, die auch heute noch modern sind.

Elisabeth Gusy weiß noch genau, wie sie vor 30 Jahren zum Frauengesprächskreis in Delmenhorst fand. „Ich bin 1988 als Spätaussiedlerin aus Oberschlesien zu meinem Bruder gekommen“, erinnerte sie sich bei der Jubiläumsfeier zum 30-jährigen Bestehen der Spurensuche-Gruppe an der Volkshochschule (VHS) Delmenhorst am Donnerstag. Es ist der am längsten angebotene Kurs der Einrichtung.

Sie habe möglichst schnell in der Stadt Fuß fassen und Kontakte aufbauen wollen, da wurde sie auf den gerade gegründeten Gesprächskreis aufmerksam. „Ihr habt mich gut aufgenommen und mir beigestanden“, freute sie sich rückblickend über die gemeinsamen drei Jahrzehnte. Sie habe dabei auch selbst viel gelernt.

Aktiv im Ruhestand

Genau das war auch das Anliegen von Gründerin Hanna Behrens. Durch einen Bericht über einer Studie der Universität Oldenburg über die Neuorientierung von Frauen nach der Berufstätigkeit sei sie auf das Thema aufmerksam geworden. „Das kann doch nicht alles gewesen sein“, lautete das Motto. Haushalt schmeißen, Enkelkinder erziehen und Kartoffeln schälen sei nicht mehr der Horizont des Ruhestands gewesen. „Ich wollte etwas mit Frauen machen“, sagt sie über die Geburtsstunde des Gesprächskreises. An der VHS habe sie ein offenes Ohr gefunden und den Kurs starten dürfen, obwohl mit neun Teilnehmerinnen nicht die erforderliche Mindestzahl von zehn erreicht worden sei.

In dieser geschlossenen Gruppe hätten die Frauen dann fünf Jahre lang überwiegend autobiografische geleistet, um sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen – daher auch der Name „Spurensuche“. Zudem hätten sie sich über dutzende Themen unterhalten und diverse Ausflüge unternommen. Zum Thema Weltreligionen etwa besuchten sie Moscheen, Synagogen und Klostern, erkundeten die Delmenhorster Stadtteile und umliegende Gemeinden, sahen sich Ausstellungen an, diskutierten über Politik, Umwelt oder persönliche Belange. „Ich wurde gehalten, nicht so viel für die Kinder, sondern auch mal etwas für mich zu machen“, erinnert sich auch Elisabeth Gusy.

Schöne Momente

Selbstsicherheit erlernen und selbstwirksam sei immer ihr Ziel gewesen, betonte Gründerin Behrens. „Es war immer lustig, manchmal auch traurig“, blickte sie auf die vergangenen 30 Jahre zurück. Noch immer habe sie das Seminarwochenende am Dorumer Siel vor Augen – ausgerechnet am Tag des Mauerfalls am 9. November 1989. „Alle sind vor dem Fernseher gewesen und haben verfolgt, was in Berlin passiert“, sagte sie und lachte. Am nächsten Tag auf dem Rückweg habe sich dann mit den Trabis auf den Autobahnen und ungewohntes Straßenbild gezeigt.

Nach fünf Jahren öffnete sich der Frauengesprächskreis schließlich auch für andere Interessierte. Zunächst mit Fokus auf Frauen um 60 Jahre, mit der Zeit änderte sich dieser auf 70. „Wir waren lange 20 Leute, irgendwann war die Gruppe dezimiert, jetzt sind wieder etwas war“, sagte Behrens, derzeit kämen 10 Teilnehmerinnen zu den Treffen. Dass Behrens an dem langen Bestehen der Gruppe selbst einen großen Anteil hat, ist unbestritten. „Hanna macht die Gruppe aus und ist sehr einfühlsam. Sie hält die Gruppe zusammen, ist aber nicht dominant“, drückte es Christa Renken aus.

Noch immer modern

VHS-Programmbereichsleiterin Adriana Theessen zeigte sich ebenfalls begeistert von dieser Beständigkeit und der Arbeit des Frauengesprächskreises. „Selbst aktiv werden und die Initiative ergreifen, ist heute wichtig“, betonte sie. Mit diesem Format habe Behrens vor drei Jahrzehnten eine Vorreiterrolle eingenommen und ein noch immer modernes Format geschaffen. Die Gruppe lebe vor, was in Büchern beschrieben werde. „Auch in Zeiten der Verdichtung und Digitalisierung lernen wir zu schätzen, auf solche Gesprächskreise zu blicken“, lobte Theessen. Sie förderten das soziale Leben und ermöglichten ganz im Sinne der VHS freie Bildung ohne Berufsorientierung; sie gemeinsam mit anderen Menschen zu entwickeln: „Das wollen wir als pädagogische Leiter hüten und wertschätzen.“

Auch Elisabeth Gusy schätzte rückblickend, was ihr der Frauengesprächskreis an der VHS gegeben hat. „Das hat uns sehr aufgerüttelt“, sagte sie: „Ich habe hier mein Selbstvertrauen gefunden.“