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Freispruch statt Haftstrafe Staatsanwalt kann Kokain-Deal in Delmenhorst nicht beweisen

Von Alexander Schnackenburg, Alexander Schnackenburg | 09.08.2016, 17:13 Uhr

Von der Unschuld des Angeklagten sei die Kammer keinesfalls überzeugt, allerdings auch nicht von seiner Schuld: So formulierte es am Ende die Richterin Judith Blohm – und sprach den Angeklagten frei.

Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten für den 35-jährigen beantragt : wegen gemeinschaftlichen schweren Raubs in Tateinheit mit gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hatte der Angeklagte mit einem Komplizen einen Drogenhändler mittels Pfefferspray zunächst kampfunfähig gemacht und anschließend um Kokain im fünfstelligen Wert erleichtert. All dies soll sich bereits im April 2012 zu später Stunde in einer Delmenhorster Pension zugetragen haben.

Belastungszeugen unglaubwürdig

Nur konnte die Staatsanwaltschaft diesen Hergang vor dem Landgericht Oldenburg nicht ansatzweise beweisen. Umso weniger, als die wichtigsten Belastungszeugen nahezu allen Prozessbeobachtern und -beteiligten unglaubwürdig erschienen und zudem zu manch brisantem Detail gar nicht erst aussagten – möglicherweise, um sich nicht selbst zu belasten. So will der Geschädigte statt um Kokain oder anderes Rauschgift um einige tausend Euro Bargeld beraubt worden sein, welche er zur Anzahlung einer Reinigungsmaschine benötigt habe: ein eklatanter Widerspruch zu jenem Tathergang, von welchem die Staatsanwaltschaft zuletzt ausging. Hiernach wollte derselbe Zeuge Kokain im Wert von mehreren 10.000 Euro an den Angeklagten und dessen Begleiter verkaufen. Diese hätten ihn zunächst mit schlechtem, einseitig gedrucktem Falschgeld abgelenkt und dann mit dem Pfefferspray überwältigt. Schließlich seien sie geflohen.

Freispruch und Haftentschädigung

Der vielfach, unter anderem wegen Erpressung, Nötigung und Körperverletzung vorbestrafte Angeklagte bestritt bis zuletzt, dass er überhaupt am Tatort gewesen sei. Allerdings war die Polizei aufgrund seiner DNA an einer Zigarettenkippe auf ihn aufmerksam geworden, welche sie in dem betreffenden Pensions-Zimmer gefunden hatte. So zeigte sich auch die Kammer überzeugt davon, dass sich der Angeklagte zum Tatzeitpunkt sehr wohl in dem betreffenden Delmenhorster Pensionszimmer aufgehalten hatte. Was dort aber tatsächlich geschehen sei, wisse das Gericht nicht mit Gewissheit, so Blohm in ihrer Urteilsbegründung.

Der Freispruch hatte sich bereits vor zwei Wochen angedeutet, als die Kammer den Haftbefehl gegen den bis dahin in Untersuchungshaft befindlichen Angeklagten aufgehoben hatte. Im Zuge des Freispruchs am Dienstag sprach ihm die Vorsitzende folgerichtig eine Entschädigung für diese rund viermonatige „Wartezeit“ hinter Gitter zu. Diese liegt derzeit bei 25 Euro pro Hafttag.