Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Gedenktag für Nazi-Opfer Delmenhorst als Umschlagplatz für von Juden geraubte Güter

Von Marco Julius | 27.01.2019, 16:37 Uhr

Ein wirtschaftlicher Aspekt des Völkermords an den Juden ist bei der Gedenkveranstaltung in den Mittelpunkt gerückt worden. Deutlich wurde dabei: Die Stadt stellt sich ihrer Geschichte.

Nicht vergessen, nicht verdrängen. Oberbürgermeister Axel Jahnz hat in der Veranstaltung zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Rathaussaal den Ton vorgegeben. Und es ist ja tatsächlich so, dass neue Aktenfunde immer wieder neue Einblicke und Perspektiven bieten, auf das schrecklichste Kapitel der deutschen Geschichte zu blicken, die Nazi-Zeit.

Und so standen im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung, die das Kulturbüro der Stadt vorbereitet hatte, die ARD-Dokumentation „Die Versteigerung“, die einen wirtschaftlichen Aspekt des Völkermords an den Juden beleuchtet, und die Recherchen der Oldenburger Historikerin Margarete Rosenbohm-Plate, die sich tief eingearbeitet hat in das Verkaufsgeschehen von sogenannten „Hollandmöbeln“ in Delmenhorst und dem Raum Weser-Ems.

Verkauf und Versteigerung geraubten jüdischen Eigentums in der Zeit des Nationalsozialismus, akribisch notiert in Akten, die noch heute in den Archiven lagern, auch in Delmenhorst, zeigen auf, wie auch „deutsche Volksgenossen“ von der Deportation und der Ermordung der Juden profitierten. Wie sie „Schnäppchen“ machten, wenn Juden ihr Hab und Gut zurücklassen mussten.

Waggongsweise Raubgüter

Rosenbohm-Plate machte in ihrem Vortrag deutlich, dass Delmenhorst als Umschlagplatz dabei eine besondere Rolle spielte. Betten und Schränke, Tische und Stühle, Bettwäsche, Kleidung, Musikinstrumente und Spielzeug von jüdischen Bürgern aus Frankreich, Belgien und Holland kamen zum Beispiel 1943 waggonweise nach Delmenhorst. Rosenbohm-Plate hat mit Unterstützung des Stadtarchivars Christoph Brunken und dk-Archivarin Andrea Kaufmann Zahlen und Fakten zusammengetragen. „Allein im Jahr 1943 gab es in Delmenhorst 146 Verkaufstage, die auch in der Zeitung öffentlich angekündigt wurden. Jeder wusste, woher die Dinge stammten, die dort verkauft wurden“, betonte Rosenbohm-Plate. Der damalige Oberbürgermeister Hermann Maas, NSDAP-Mitglied und Intimus des Gauleiters, sowie Treuhänder Wilhelm Osthaus verdienten an den Verkäufen. Der Großteil des Erlöses ging an die Gauleitung. Rosenbohm-Plate stellte heraus, dass nach Delmenhorst vergleichsweise viele Waggons kamen, obwohl die Stadt nicht so stark von Bombemangriffen zerstört war wie andere Städte. „Es kamen mehr Möbel und Haushaltsgegenstände in die Stadt, als die Bürger hier gebrauchen konnten.“ Delmenhorst, gut ans Bahnnetz angebunden, sei so zum Umschlagplatz geworden für die „Hollandmöbel“, die Raubgüter aus von den Deutschen besetzten Ländern. Bis nach Hamburg führten die Transporte.

Becerra lobt Stadt

Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst, dankte der Historikerin für ihre tief gehende Arbeit. Noch sichtlich berührt vom Dokumentarfilm und von den Ausführungen Rosenbohm-Plates sagte er: „Was mich zornig macht, sind diese genauen Abrechnungen auf Mark und Pfennig.“ Systematisch, geplant, gut dokumentiert: das, was für den Holocaust gilt, gelte auch für die wirtschaftlichen Aspekte des Völkermords.

Becerra hob hervor, dass Delmenhorst heute auf einem guten Weg der gelebten Erinnerungskultur sei. „Ich habe großen Respekt für diese Stadt. Unser Oberbürgermeister sagt, dass wir uns als Stadt mit der Geschichte beschäftigen wollen. Er ist offen. Das ist für die Stadt nicht immer leicht.“ Becerra kritisierte dabei auch große Unternehmen wie Kühne & Nagel, die in der Nazi-Zeit von Transporten profitiert hätten: „Herr Kühne ist noch nicht so weit, dass er sich der Geschichte stellt.“

Auch Rosenbohm-Plate betonte die Vorreiterrolle Delmenhorst bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Diese Offenheit wünsche sie auch von der Stadt Oldenburg. Oberbürgermeister Jahnz wiederum betonte die Freundschaft zur Jüdischen Gemeinde vor Ort: „Die Gemeinde ist uns herzlich willkommen.“