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Geplantes Baugebiet Stadt rodet jetzt doch Gebüsch in Delmenhorster Biotop

Von Frederik Grabbe | 26.09.2017, 19:21 Uhr

Die Stadt Delmenhorst hat am Dienstag ein 2000 Quadratmeter großes Gebüsch in Stickgras gerodet. Vertreter einer Bürgerinitiative und Naturschützer sind bestürzt. Sie hatten versucht, den Eingriff mithilfe des Umweltministeriums zu stoppen – ohne Erfolg.

Die Stadt Delmenhorst hat am Dienstag nun doch ein schützenswertes, 2000 Quadratmeter großes Sumpf-Weiden-Gebüsch im geplanten Baugebiet in Stickgras gerodet. Am Montag hatte der Nabu Delmenhorst mit Verweis auf eine Anwältin davon gesprochen, die Rodung gegenüber der Kita Langenwisch sei auf Intervention des Umweltministeriums des Landes verhindert worden, nachdem der er eine Fachaufsichtsbeschwerde eingereicht hatte. Dies trifft nicht zu.

Stadt soll Bericht für Umweltministerium anfertigen

Wie die Stadt mitteilt, habe sich das Ministerium über den Eingang der Beschwerde informiert, weshalb die Verwaltung nun einen Bericht anfertigen wird. Das bestätigt auch das Umweltministerium auf Nachfrage, stellt aber klar, dass es der Beschwerde fachaufsichtlich nachgehen werde. Hierzu werde der erwähnte Bericht der Stadt erwartet.

Stadt will grundwasserbelastenden Müll entfernen

Die Rodungen am Dienstag dienten einer Baugrunderkundung. Zudem will die Stadt alten, verschütteten Hausmüll im Moorbereich näher untersuchen. Hierzu hat sie die 2000 Quadratmeter große Buschgruppe gerodet. Darauf folgend will sie den Boden analysieren. Wie Stadtbaurätin Bianca Urban jüngst mitgeteilt hatte, lägen durch den Müll Belastungen des Grundwassers vor. Nachfrage teilt die Stadt mit, dass die sogenannten Geringfügigkeitsschwellenwerte der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAGA Wasser) für Arsen und Nickel überschritten worden seien. Ob und welche Auswirkungen dies auf ein künftiges Wohngebiet hat, soll nun geprüft werden. Bereits zuvor hatte die Verwaltung den Boden mit einer alten Müllkippe gegenüber der Kita Langenwisch durch den Austausch mit Sand saniert.

(Weiterlesen: Irritationen um geplantes Baugebiet in Delmenhorst)

55.000 Quadratmeter großes Baugebiet geplant

Die Stadt plant auf der Fläche in Stickgras ein nach eigenen Angaben 55.000 Quadratmeter großes Baugebiet, von dem 38.000 Quadratmeter Wohnbauflächen werden sollen. An der Stelle befinden sich allerdings Biotope. So spricht die Stadt von einem mehr als 1.000 Quadratmeter großen Weiden-Sumpfgebüsch und 7600 Quadratmeter sogenanntem sonstigen mesophilen Grünland. Innerhalb dieser Flächen befindet sich zudem eine rund 4700 Quadratmeter große Moorfläche.

Stadt widerspricht Kritik von Nabu und Bürgerinitiative

Das Vorhaben der Stadt stößt auf Gegenwehr der Bürgerinitiative Langenwisch/Menkens Moor (BI) und beim hiesigen Nabu. Die Gruppen hatten in der Fachaufsichtsbeschwerde unter anderem auf ein Schnittverbot von Gebüschen vom 1. März bis 30. September nach dem Bundesnaturschutzgesetz hingewiesen. Laut Stadt gilt dieses Verbot für sie nicht, weil es sich bei den Arbeiten um eine behördliche Anordnung handele. Auch die ökologische Funktion, beispielsweise als Lebensraum für Igel, der Fläche sei nicht gefährdet, wie vom Nabu kritisiert. Die Naturschützer bezweifeln generell die Neutralität der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt, weil diese der Bauverwaltung untergeordnet sei. Auf diesen Vorwurf teilt die Stadt mit, dass Genehmigungen auf Grundlage gesetzlicher Bestimmungen erteilt werden. Sie unterliegen einer Fach-, einer Rechtsaufsicht „und einer eventuellen gerichtlichen Überprüfung“. Yvonne Ingenbleek vom Nabu deutete mehr als deutlich an, dass der Verein nun den Weg vor Gericht erwäge. Sie zeigte sich entsetzt über der Rodung.

Nabu wirf Stadt Intransparenz vor

Ingenbleek kritisierte die Arbeitsschritte der Stadt als intransparent und kompromisslos. „Wir wissen wenig über die Belastung des Grundwassers oder das Vorgehen bei den Altlasten.“ Auch zu alternativen Vorschlägen in der Bauplanung – die Biotopflächen erhalten – habe sich die Stadt seit Ende Juli nicht geäußert – „stattdessen werden durch die Moorzerstörung Fakten geschaffen, die jegliche Alternative ausschließen“, so Ingenbleek. „Die Bürgerbeteiligung wird hier mit Füßen getreten.“

Bürgerinitiative will Politik mit ins Boot holen

Silvia Schierenbeck, Sprecherin der BI, zeigte sich betroffen, dass die Rodung nicht verhindert werden konnte. Sie findet es „schräg“, dass für den Privatmann im Garten scharfe Auflagen gölten, für die Stadt bei großen Hecken mit Schutzwert aber nicht. Sie will nun vermehrt in der Delmenhorster Politik für das Anliegen der beiden Gruppen werben.