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Gewalt gegen Juden Jüdische Gemeinde gedenkt Novemberpogromen in Delmenhorst

Von Frederik Grabbe | 09.11.2017, 17:03 Uhr

Die jüdische Gemeinde und Vertreter des öffentlichen Lebens haben der Reichspogromnacht im November 1938 gedacht. Erstmals fand der Festakt nicht im Rathaus, sondern in den Gemeinderäumen an der Louisenstraße statt.

Sie setzten ein Zeichen gegen Hass, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung: Jedes Jahr am 9. November gedenkt die jüdische Gemeinde zusammen mit Vertretern des öffentlichen Lebens mit einer Feierstunde der Pogrome im Dritten Reich am 9. und 10. November 1938. Dieses Jahr war eines anders: Nachdem im Vorjahr die jüdische Gemeinde den Festakt nach Erscheinen einiger AfD-Ratsleute im Saal des Rathauses nach draußen verlegte, wurde am Donnerstag in den Gemeinderäumen an der Louisenstraße gedacht. Erst mit einem Festakt, dann mit einem Umzug zum jüdischen Friedhof.

„Hoffnung ist die Geschichte des jüdischen Volkes“

Eines der tragenden Motive in den Redebeiträgen war die Hoffnung, die in die Jugend gesetzt wird, um auch in Zukunft der Opfer der Pogrome und des Holocausts zu gedenken. „Die Zeitzeugen des Nazi-Faschismus gehen langsam verloren. Wir sind verpflichtet, alles zu tun, dass Hass und Rassismus keinen Platz in der Gesellschaft haben“, sagte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Pedro Benjamin Becerra. Damit blickte er auf eine 9. Klasse der Realschule an der Lilienstraße, die ebenfalls dem Festakt beiwohnte und zuvor dem Förderkreis der jüdischen Gemeinde geholfen hatte, die Stolpersteine in der Innenstadt zu putzen. Die Hoffnung Becerras teilte auch Rabbinerin Alina Treiger :„Hoffnung ist die Geschichte unseres Volkes: auch bei wenig Hoffnung geht es weiter.“

„Bin nicht sicher, ob jüdische Gemeinde in 20 Jahren noch bestehen wird“

Und dass ihre Hoffnung für ein Fortbestehen der jüdischen Gemeinde in Delmenhorst nicht die größte ist, verhehlte Treiger nicht: Die Rabbinerin sprach vom starken deutschen Judentum vor der Machtübernahme der Nazis – und von heutigen Versuchen der Wiederbelebung des Gemeindelebens. Man habe zunehmend Probleme, junge Juden in die Synagogen zu holen, und wenn, zögen sie später zum Studium fort. „In Delmenhorst bleiben nur wenige. Ich bin nicht sicher, ob die Gemeinde noch in 20 Jahren bestehen wird.“ Vor diesem Hintergrund hofft sie, dass junge Delmenhorster – wie die Realschüler – die Erinnerung an das Leid der Juden weitertragen.

Schuld zur Erinnerung

Dieses Leid durch Pogrome und den Holocaust nannte Oberbürgermeister Axel Jahnz „die dunkelste Epoche unserer Geschichte“. Er erinnerte an die niedergebrannte Synagoge an der Cramerstraße in der Pogromnacht, an geplünderte jüdische Geschäfte und an misshandelte jüdische Mitbürger. 75 Delmenhorster Juden seien während des Holocausts ums Leben gekommen: „An diese Untaten im deutschen Namen zu erinnern, das sind wir den Opfern schuldig“, so Jahnz.

Hetze gegen Juden durch Luther als Schattenseite der Reformation

Der pensionierte Pfarrer Enno Konukiewitz, der für die Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen sprach, schlug den Bogen zum 500. Reformationsjubiläum der evangelischen Kirche. „Oder heißt es besser Reformationsgedenken? Denn nicht alle Gedanken Luthers waren zu feiern.“ Konukiewitz sprach das schlechte Verhältnis des „großartigen Theologen“ zum Judentum an. Dessen Hetze über Juden gehöre zu den „Schattenseiten der Reformation“, Konukiewitz zeigte sich glücklich, dass die Kirche längst wieder Versöhnung und Begegnung mit dem Judentum einfordere.

„Schon wieder die Brut von damals am Werke“

In allen Beiträgen erkannten die Redner einen zunehmenden Antisemitismus in Deutschland: Schon wieder gebe es Menschen, die Verbrechen im Dritten Reich gegen Juden herunterspielten (Jahnz), und wieder sei „ die Brut von damals“ am Werke, etwa in Form von Reichsbürgern (Konukiewitz). Alle Redner waren sich einig, dass darum eine lebendige allgemeine Erinnerungskultur zur Mahnung und im gegenseitigen Respekt umso wichtiger sei. Oder wie es Norbert Boese, Vorsitzender des Förderkreises der jüdischen Gemeinde, auf den Punkt brachte: „Der 9. November ist Mahnung vor Gewalt, Krieg und Gleichschaltung – aber auch für Toleranz und ein freundliches Miteinander.“