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Halbes Haus zerstört Nach Großbrand – Delmenhorster Familie will Neustart

Von Kai Hasse | 18.12.2017, 16:42 Uhr

Nach einem Hausbrand in Delmenhorst will die Familie wieder zurück in den vertrauten Bau. Aber sie hat noch einen weiten Weg vor sich.

Wenn nur diese Eier nicht ausgekippt wären. Die lagen im Erdgeschoss auf dem Boden, an diesem Freitag vor zwei Wochen, und einer der Dreijährigen von Michael und Cindy Reinhardt sah es als Spiel, darin zu trampelt. Die Eltern schickten den Kleinen hoch in sein Zimmer, weg aus der glipschigen Gefahrenzone. Minuten später kam er wieder runter, sagte, er habe Angst. Die Treppe herunter, dem Kind auf den Fersen, kroch ein beißender Geruch. Michael Reinhardt ging hoch. Und fand sich im Rauch wieder. Irgendwas war in Flammen geraten. Später würde der Lütte selbst sagen, es habe bei ihm angefangen zu brennen. Vielleicht irgendeine Feuerquelle am Vorhang.

Es fehlt das Atemholen

 Wenige Minuten veränderten das Leben der Familie. Vater Reinhardt die Treppe runter, schlägt Alarm. Wo ist Nika, die Siebenjährige? Wieder hoch. In Nikas Zimmer rein, Kind raus und runter. „Wir haben in dem Moment einfach funktioniert“, sagt Michael Reinhardt zwei Wochen danach. Und er funktioniert heute noch vor allem, aber es fehlt der Raum für sich selbst, für Familie, Partnerschaft. Es fehlt die Normalität und das Atemholen.

Vater und Tochter mit Rauchvergiftung

Vor zwei Wochen fehlte auch der Atem, buchstäblich. Als der erste Feuerwehrmann vor Ort ankam, bemerkte er bei Reinhardt, dass er schwarze Spuren im Gesicht hatte, Anzeichen für eine Rauchvergiftung. Er und das Mädchen kamen ins Krankenhaus. Mutter Cindy blieb an Nikas Seite. Befreundete Nachbarn betreuten die beiden Dreijährigen, bis die 21-Jährige Schwester sie abholte. Der 18-Jährige kam bei Bekannten unter. Während sich das Krankenhauspersonal um Vater und Tochter kümmerte, kämpften die Feuerwehrleute gegen die Flammen. Schnell war klar: Der Dachstuhl ist nicht zu retten. Die Flammen leckten entlang der Balken, stoben meterhoch in den Abendhimmel des Ersten Adventswochenendes. Michael Reinhardt dachte zu dem Zeitpunkt noch: Nicht so schlimm. Wir werden im Keller weiter Wohnraum haben. Nicht so schlimm.

Reinhardt will sein Haus zurückerobern

Aber am Abend, nach vier Stunden Einsatz, vermutete der Einsatzleiter der Polizei, dass das Haus einen Totalschaden haben wird. Der Dachstuhl zerrupft wie ein Weihnachtsgans-Kadaver, alles verraucht, alles mit Wasserschaden. So stehen die beiden damals verletzten, Vater und Tochter Nika, zwei Wochen später vor dem Bau. „So zum Jahreswechsel“, sagt Michael Reinhardt. Dann will er seine Familie wieder hier hereinbringen. Viele haben gesagt, das sei unmöglich. Aber Reinhardt führt durch das Haus, das Zimmer des 18-Jährigen, das Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer. Nur geringe Schäden, kaum Geruch. Hier könnte man wohnen. Reinhardt ist fest entschlossen, sich sein Haus Zimmer für Zimmer wieder zurückzuerobern von Wasser- und Brandschaden.

„Irre. Die waren einfach super.“

Die Versicherung wird nicht zahlen, es hatte Unstimmigkeiten mit der Police gegeben. Das Glück im Unglück ist, dass die Reinhardts anpackende Freunde und Bekannte haben. Dabei haben der Familie bereits viele Bekannte geholfen. „Die haben es an einem Nachmittag geschafft, den Container vor dem Haus zu drei Vierteln zu füllen“, sagt er. „Irre. Die waren einfach super.“ Er ist dankbar. Der 18-Jährige kam bei Bekannten unter, die Eltern und die drei kleinen Kinder bei der 21-jährigen Tochter. Derzeit leben sie mit ihr zusammen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Das ist sehr eng. Sie brauchten Heizlüfter und Bautrockner, und die kamen. Ihnen wurden Dinge des Alltags gespendet, die sie gut brauchen konnten. Und sie werden noch weiter Hilfe brauchen, weiß Reinhardt. Wer anpacken oder etwas helfen will, soll sich an ihn, Michael Reinhardt, im sozialen Netzwerk Facebook wenden.

Atemholen beim Jiu-Jitsu

Bei dem Treffen mit dem dk ist auch Nika dabei. Sie ist ein lebhafter kleiner Sonnenschein. Als es um den Brand geht, wird sie ernst und bekommt etwas Tränen in die Augen. Sie hat Angst, „dass das Haus einstürzen kann.“ Was sie vermisst: „Die Erinnerungen, die ich hatte“, womit sie auch ihr Spielzeug meint. Das lagert zum Teil in ihrem Zimmer, das fast unbeschadet blieb, aber verraucht ist. Die Eiskönigin Elsa prangt an einer Tapete. Über ihrem Kinderbettchen der Spruch: „Wenn aus Liebe Leben wird, erhält das Glück einen Namen.“ Nika konnte eine Woche nach dem Brand bei einem Jiu-Jitsu-Turnier mitmachen. Die Eltern wollten, dass sie weiter im Alltag aktiv ist. Mutter Cindy hat ein Video davon auf Facebook hochgeladen. Nika und ein kleiner Junge tauschen Fäuste und Tritte aus. Sie drängt ihn zurück. Sie kassiert einen Tritt und Handkanten, aber sie hat keine Angst. Dann erwischt sie ihn mit einem Griff an den Armen, dreht sofort die Hüfte ein, drückt durch, zieht, wirft ihn über die Schulter, umklammert ihn und hält ihn am Boden. Sie gewinnt das Turnier, bekommt Medaillen. Sie strahlt. Ein Atemholen.