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Heimatvertriebene in Delmenhorst Böse Szenen belasteten das Zusammenleben nach 1945

Von Dirk Hamm | 20.10.2018, 12:28 Uhr

Die Eingliederung von Tausenden Heimatvertriebenen war eine enorme Herausforderung in Das Miteinander mit den Einheimischen barg Konflikte.

Delmenhorst im Jahr 1945: Die Menschen hungern und frieren, viele haben das Dach über dem Kopf verloren. Gleichzeitig heißt es in den unbeschädigten Häusern, enger zusammenzurücken, um zugewiesene Ausgebombte und Flüchtlinge aufzunehmen. Dramatisch verschärft wurde die Situation in der Stadt, als 1946 und 1947 Tausende Heimatvertriebene untergebracht werden mussten. Die Integration so vieler war eine immense Herausforderung.

Neuankömmlingen begegnete auch Hass

Noch heute sind die Erinnerungen vieler, die dieses von Mangel und Ungewissheit geprägte erste Nachkriegsjahrzehnt in Delmenhorst erlebt haben, negativ gefärbt. Geringschätzung, Missgunst, ja sogar Hass begegnete in vielen Fällen den Neuankömmlingen. „Es gab viele böse Szenen zwischen den eingewiesenen Flüchtlingen und den Wohnungsbesitzern“, erzählt Wolfgang Stratmann, der jetzt in Warin in Mecklenburg-Vorpommern lebt. Er ist im Jahr 1949 geboren worden, seine frühen Eindrücke stammen mithin aus einer Zeit, in der sich die Verhältnisse zumindest materiell bereits zum Besseren zu wenden begannen.

Vom „Eingeborenen“ zum Flüchtling

„Mein Vater war im Krieg Soldat in Delmenhorst und heiratete 1948 eine Flüchtlingsfrau. Wegen verschiedener Umstände wechselte er damit vom ‚Eingeborenen-Status‘ in den ‚Flüchtlings-Status‘“, berichtet Stratmann. An acht verschiedenen Orten habe die junge Familie in der Stadt gewohnt, ehe sie 1956 nach Hessen verzog. Hass auf die Fremden, als die die Flüchtlinge und Vertriebenen allgemein betrachtet wurden, vermutet Stratmann als Motiv bei mehreren gewaltsamen Vorfällen, die ihn sehr belasteten: „Ein Erwachsener verprügelter mich als dreijähriges Kind. Ich hatte mich unbeaufsichtigt in einen leeren Sandkasten gesetzt und mit meinen kleinen Händen still vor mich hin Sandhügelchen geformt. Der Mann behauptete, das stünde mir als Flüchtlingskind nicht zu. Anschließend bedrohte er meine Eltern.“

Es gibt auch positive Erinnerungen

Es sollte nicht bei diesem einen Vorfall bleiben. Die Beklemmung, die solche Schilderungen hervorrufen, steigert sich noch angesichts der Tatsache, dass auch heutzutage in Deutschland Flüchtlinge nicht selten Ausgrenzung, Beschimpfungen und Gewalt ausgesetzt sind.

Nicht unterschlagen werden darf aber, dass es auch positive Erinnerungen von Zeitzeugen an das schwierige Miteinander zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gibt, die sich irgendwie zusammenraufen mussten. „Von Hus un Heimat“-Autor Folkert Müller etwa berichtete am 2. Dezember 2017 auf dieser Seite: „Das Wohnungsamt beschlagnahmte Wohnraum von Einheimischen und stellte Baracken zur Verfügung. Meine Schwiegereltern, die aus dem Memelland stammten, bekamen zunächst eine Bleibe mit ihren vier Kindern in einer Wellblechbaracke. Sie erlebten Hilfsbereitschaft.“

Große Integrationsleistung vollbracht

Jenseits der persönlichen Ebene bleibt festzuhalten, dass in Delmenhorst ebenso wie in vielen anderen deutschen Kommunen, die sich damals mit der Ankunft von Massen an Neubürgern konfrontiert sahen, eine bemerkenswerte Aufnahme- und Integrationsleistung vollbracht worden ist. Die Zahlen sind beeindruckend: Im März 1945 beherbergte die Stadt zusätzlich zu den 41.000 Einheimischen bereits mehr als 5000 Flüchtlinge. Ab 17. März 1946 kamen bis März 1947 in mehreren Sammeltransporten mehr als 9000 Vertriebene aus Schlesien nach Delmenhorst.

Baracken, Sammellager und Zwangseinquartierungen

Um den Massenzustrom bewältigen zu können, wurden neben den Barackenlagern Sammelunterkünfte in Sälen, Turn- und Fabrikhallen eingerichtet. Bei Zwangseinquartierungen in Wohnungen wurden oftmals grundverschiedene Menschen zusammengepfercht, sodass Streitigkeiten unvermeidbar waren. Erst das große Neubaugebiet in Düsternort konnte ab 1951 die Wohnungsnot spürbar lindern. 1952 wurde das Massenlager bei den Linoleumwerken aufgelöst, ein weiteres erst 1954 auf der Nordwolle.