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Hilfe für Flüchtlingsfrauen Ein interkulturelles Hebammenprojekt in Delmenhorst

Von Thomas Breuer | 09.12.2016, 09:01 Uhr

Seit 26 Jahren ist Astrid Plate-Tetzlaff als freiberufliche Hebamme tätig. Jetzt verfolgt sie zusätzlich einen wissenschaftlichen Ansatz.

„Kinder sind die Zukunft“ sagt Astrid Plate-Tetzlaff. Was manchem als Floskel gelten mag, bei der 49-jährigen Schierbrokerin kommt es von Herzen. Seit 26 Jahren ist sie als freiberufliche Hebamme in Delmenhorst tätig. Parallel zu dieser praktischen Arbeit setzt sich die vierfache Mutter inzwischen auch wissenschaftlich mit ihrem Arbeitsfeld auseinander.

Es geht um Wohlbefinden im neuen Kulturkreis

Zum vergangenen Sommer hat Plate-Tetzlaff in Delmenhorst ein interkulturelles Hebammenprojekt aufgelegt, das sie im Zuge ihres hebammenwissenschaftlichen Studiums an der Hochschule Osnabrück evaluiert. „Ich will deutlich machen, wie die Situation für schutzbedürftige geflüchtete schwangere Frauen und Frauen mit Neugeborenen in Delmenhorst, Ganderkesee und Wildeshausen ist“, sagt sie. „Wohlbefinden in einem neuen Kulturkreis“ lautet die Arbeitsüberschrift der Untersuchung.

Erste Kontakte in Adelheide geknüpft

Im Sommer ist Astrid Plate-Tetzlaff dafür an die Awo herangetreten, die die Flüchtlingsunterkunft auf dem abgetrennten Kasernengelände an der Wiggersloher Straße betreut. „In Delmenhorst kümmert sich keine Hebamme explizit um geflüchtete Frauen“, wusste sie da schon. „In Ganderkesee und Wildeshausen gibt es Familienhebammen, die dem Jugendamt unterstehen.“ Anträge auf Unterstützung zu stellen, sei für die Frauen wegen fehlender Sprachkenntnisse oft schwierig.

Frauen aus ganz verschiedenen Ländern

Astrid Plate-Tetzlaff ist in die umgenutzten Kasernengebäude gegangen und wurde von den Frauen wahrgenommen. Erst von einigen wenigen, dann von anderen mehr. Frauen aus Syrien, Afghanistan, Irak und afrikanischen Staaten, die das Angebot der Hebamme zunächst gar nicht einordnen konnten. „In deren Heimat läuft ja vieles im Familienverbund ab“, sagt die Schierbrokerin. „Und hier spielen für die Frauen auch Ängste noch eine Rolle.“

„Man muss genau beobachten“

Der Hebamme ist die Kontaktaufnahme in behutsamen Schritten geglückt. Samstag für Samstag hat sie über zehn Wochen dazu eingeladen, in ihre wachsende Gruppe zu kommen. Mit Händen, Füßen und einem dolmetschenden Mädchen hat sie Informationen vermittelt und Möglichkeiten aufgezeigt. Praktische Geburtsvorbereitung, Schwangerengymnastik und ein Besuch des Kreißsaals schlossen sich an. „Man muss sich viel Zeit nehmen und genau beobachten“, sagt die Hebamme. Beides hat sie getan.

Neues Gruppenangebot ist angelaufen

Seit Ende November nun läuft ein neues Angebot in einem Raum, den die Kita Süd zur Verfügung gestellt hat. Elf ihr schon bekannte Frauen wollte Astrid Plate-Tetzlaff damit erreichen. Eine Herausforderung, weil die meisten von ihnen inzwischen in Wohnungen im Stadtgebiet leben, also nicht mehr, wie in der Kaserne, auf kurzem Wege ansprechbar sind. „Aber es sind schon beim ersten Mal alle gekommen“, berichtet die Hebamme. Auch Männer hätten sich gefreut, dass ihre Frauen in die Gruppe gehen. Für die Teilnahme müssen sie nichts bezahlen.

„Da muss die Stadt reagieren“

Welche Anlaufpunkte kommen für die Frauen in ihrem neuen Kulturkreis im Anschluss? Wahrscheinlich erst einmal gar keine, mutmaßt die Hebamme. Für sie steht außer Frage: „Da muss die Stadt reagieren.“ Auch der Spracherwerb werde in weiteren Gruppe schließlich gefördert, von der allgemeinen Integration ganz zu schweigen. Mit ihrer Evaluation will die Hebamme aufzeigen, wo angesetzt werden muss.

„Ich hoffe, dass draus etwas entstehen kann“, sagt Astrid Plate-Tetzlaff. „Die Kinder sind die Zukunft.“